Die Unschärfe des kategorischen Denkens

Das Problem wissenschaftlicher Klassifizierung und Nomenklatur

Autor: Lutz Fiedler

 

1. Eine Sache auf einen Nenner bringen: Symbolisches Denken

Vermutlich haben sich zu dem in der Überschrift genannten Thema schon manche Philosophen geäußert. Das bleibt hier außen vor. Trotzdem maße ich mir an, aus meiner speziellen kulturanthropologischen Sicht, einige grundsätzliche Anmerkungen zu machen.

Das vor allem deshalb, weil in den letzten zwei Jahrzehnten das „symbolische Denken“ von Paläolith-Archäologen und Paläoanthropologen bei dem Problem des Verschwindens der Neandertaler und ihrer Kultur sowie dem Entstehen des Jungpaläolithikums immer wieder in die Debatte einbezogen wurde. Eine Präzisierung und inhaltliche Klärung des Begriffs „Symbolisches Denken“ fand dabei in den Kreisen dieser Wissenschaftler nicht statt; im Gegenteil, er wurde im Zusammenhang mit abbildenden Darstellungen des Jungpaläolithikums verwendet, indem man annahm, die Fähigkeit Tierbilder zu erzeugen, sei der erste Beleg eines symbolischen Denkens. Die Naivität dieser Annahme war nicht zu überbieten und demaskierte diesbezüglich den hohen wissenschaftlichen Anspruch der auf das Paläolithikum bezogenen Anthropologie als Farce.

Deshalb hier noch einmal die Definition dessen, was ein Symbol ist: Das Symbol ist die – zunächst gedanklich – auf ein verbindliches Muster reduzierte Gesamtheit einer Sache. Die Sache kann dabei dinglicher, prozessualer, sozial-organisatorischer, religiöser, künstlerischer, biologischer und noch viel anderer Natur sein. Ausdruck dieser zunächst gedanklichen Reduktion einer Sache ist zumeist ein Begriff, kann aber auch eine Geste, ein emblematisches Zeichen oder ein die Sache selbst stellvertretendes Objekt sein. Das Symbol repräsentiert also eine Sache und macht sie im Denken, in der Kommunikation und für das Handeln verfügbar.

Der Zusammenhang des symbolischen Denkens mit den abstrakten neuronalen Informationsverarbeitungen, Speicherungen sowie des darauf beruhenden Wiederausdrückens und Handelns ist eine hochgradig komplexe Angelegenheit, die von der Hirnforschung erst in den letzten Jahrzehnten durch die Erkenntnis der Vernetzungsfähigkeiten von Gehirnzellen plausibel gemacht werden konnte. Dazu findet man im Internet unter den Stichworten Denken, Bewusstsein und Gehirnforschung die entsprechenden Literaturangaben.

 

2. Das alltägliche und das wissenschaftliche Denken

Es ist in der Wissenschaft üblich, Fachbegriffe zu benutzen, die in vielen Fällen den Außenstehenden nicht viel sagen. Wenn vom Rana esculenta gesprochen wird und damit der Wasserfrosch gemeint ist, zeigt sich die Wissenschaft als etwas, das von der alltäglichen Kommunikation abgehoben ist. Nur all zu oft vermeint sie dabei präziser zu denken, als es in der Alltagssprache möglich ist. Das trifft jedoch nicht zu! Denn die Funktion des Gehirns ist anatomisch und prozessual prinzipiell festgelegt.

Die Geschichte der Wissenschaft zeigt, wie ihre eigene Begrifflichkeit ebenso wandelbar ist, wie die der Alltagssprache. Der Begriff des Atoms wird heute sehr viel erweiterter verstanden, als vor 100 Jahren und wird auch in den nächsten 100 Jahren nicht derselbe sein, wie heute. Er ist vermeintlich präzise, weil er das gegenwärtige Verständnis symbolisiert, aber er symbolisiert etwas, dessen Komplexität immer neu und anders verstanden werden kann. Diese Wandelbarkeit ist die Gleiche, der auch alle Sachen der Alltäglichkeit unterliegen, weil sie ständig  verändert, erweitert und in neue Zusammenhänge gestellt werden.

Beispielweise beinhalteten die Begriffe Haus und Wohnung vor 300 Jahren etwas Anderes, als heute, weil Häuser und Wohnungen sich verändert haben und der praktische Umgang damit nicht der gleiche geblieben ist. Daran ändert sich auch nichts, wenn man feststellt, das „Haus“ – im Sinne der Idee, des Symbols oder der Kategorie – sei doch ein Gebäude, das dem Wohnen dient und auch seit den ersten errichteten Häusern immer schon diente. Denn das Verständnis von Haus als Gesamtheit seiner Teilaspekte, also von Zimmern, Fenstern, Energie, Sanitär, Küche, Eigentum, Besitz, Mietrecht usw. hat sich ebenso drastisch verschoben, wie die wissenschaftlichen Bergriffe Atom, Urknall, Daucus carota oder Neokortex. Begriffe der Alltagswelt und der Wissenschaft haben eine historisch bedingte Unschärfe.

 

3. Die Unschärfe der wissenschaftlichen Begriffe am Beispiel der Urmenschenfunde

Seit den ersten Funden fossiler Menschenreste haben sich nicht nur die Bezeichnungen der entdeckten „Arten“ geändert, sondern auch die phylogenetischen und kulturellen Erkenntnisse dazu. Aus dem Pithecanthropus, dem Sinanthropus und dem Atlanthropus  ist der Homo erectus und aus dem Gigantopithecus ein Pongide (Menschenaffe) geworden. Aber der Begriff Homo erectus wurde seit den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts von den wissenschaftlichen abgrenzenden Namen Homo antecessor, Homo ergaster, Homo heidelbergensis usw. überlagert.

Nach den Entdeckungen von Dmanisi von (bisher) fünf Schädeln mit bemerkenswert starken morphologischen Abweichungen aus einem gemeinsamen Fundkomplex kann man nun zu der Auffassung kommen, dass es zwischen Homo rudolfensis und Homo heidelbergensis absolut fließende Übergänge gibt, die eine stichhaltige Untergliederung der alt- und früh-mittelpleistozänen Urmenschen in Arten mit eigenen Bezeichnungen nicht mehr ermöglichen und deshalb der Begriff Homo erectus für sie alle wieder gültig sein muss.

Trotzdem ergibt auch diese gemeinsame Klassifikation keinen vollständig abzugrenzenden nomenklatorischen Block, weil es naturgemäß fließende Übergänge am Anfang vom Homo habiles zum Homo erectus und am Ende vom Homo erectus zum Homo sapien neanderthalensis (oder anderen frühen Vertretern des Homo sapiens) gegeben haben muss (!). Letztendlich liegt sogar der Verdacht nahe, das Bedürfnis nach Klassifizierung in Untergruppen fossiler Urmenschen missachtet die Würde eines gemeinsamen Menschenbildes. Aber zumindest negiert es die historisch fließenden, damit aber unumstößlichen Zusammenhänge aller Urmenschen mit der gegenwärtigen, untrennbaren Menschheit. Daher sollte die aus dem 19. Jahrhundert stammende, kolonial geprägte Anthropologie keine kategorischen Spuren in der modernen demokratischen Anthropologie mehr hinterlassen.

 

4. Die Kategorien der Urgeschichts-Archäologie

Wissenschaftliche Eitelkeit?

Das Bedürfnis von Wissenschaftlern nach neuen Entdeckungen und damit der Erweiterung unseres Wissens und Verstehens ist eindeutig. Dass aber zwangsläufig jede Entdeckung zugleich einen neuen Namen bekommt, hat nicht selten mit der Eitelkeit des Entdeckers zu tun, der seinem Wirken damit eine Art nomenklatorischer Unsterblichkeit zu verleihen getrachtet. Diesem zu beschmunzelndem Effekt steht aber die Notwendigkeit gegenüber, dass wirklich ganz neu auftretende Sachverhalte unabdingbar benannt werden müssen. Ohne eingrenzende Benennung ist eine Sache nicht diskutierbar.

 

Die Findung urgeschichtlicher Epochen

Vor etwa 100 Jahren wurden die französischen Begriffe Chelleén, Acheuléen, Moustérien, Solutréen und Magdalénien auch außerhalb des Ursprungslandes als stratigraphisch und formenkundlich trennbare Epochen eingeführt. Ihnen war jeweils ein kennzeichnende archäologisches Inventar sowie eine charakteristische Fauna als Ausdruck von Umweltverhältnissen zugewiesen. So war das Moustérien durch Handspitzen, Schaber und ’Schildkrötenkerne’ (=diskoide Kerne) sowie vorwiegend Mammutresten ausgezeichnet; das Magdalénien dagegen durch Harpunen, Klingenkratzer und Stichel sowie den beherrschenden Anteil von Rentierknochen. Mit zunehmender Forschungsaktivität und vermehrten Kenntnissen änderten sich auch die Gesichtspunkte dieser Epochen. Die faunistischen Zuweisungen wurden weniger eindeutig, aber komplexer und innerhalb der einzelnen Epochen gelangte man zu zeitlich aufeinander folgenden Gliederungen mit jeweils eigenen Inventarausprägungen, z.B. Magdalénien 1 bis 6. Außerdem fanden neue kulturelle Epochen den Eingang in diese Gliederung, wie beispielsweise das Abbevillien, Clactonien, Levalloisien und Micoquien. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts etablierten sich für die europäische Urgeschichte dann das Acheuléen, das Moustérien, die Blattspitzenkultur, das Aurignacien, das Gravettien, das Solutréen und als Abschluss das Magdalénien. Erst neuerdings wurde das zuvor der Mittelsteinzeit zugewiesene Azilien als spätestes Jungpaläolithikum mit in die Gruppe der paläolithischen Epochen aufgenommen.

 

Zuweisung und Abgrenzung

Selbstverständlich waren die Forscher bemüht, Unterteilungen dieser Epochen anhand stratigraphischer Befunde und besonderer Inventarausprägungen vorzunehmen. Ebenso glaubte man zwischen den großen Epochen besondere, kurzeitige Kulturen entdeckt zu haben, wie das Protomagdalénien vor dem Solutréen und das Badégoulien vor dem Magdalénien. Als feststehende Regel galt aber, dass jede dieser Epochen und Sondergruppen einem geschlossenen ethnischen Kreis entspräche, der sowohl eine speziell zeitliche wie auch in der kulturellen Tradition einzigartige Bevölkerung repräsentierte. Obwohl Geschichte als etwas Fließendes und sich Weiterentwickelndes zu verstehen ist, hielt und hält sich immer noch der Gedanke blockhaft auftretender Menschengruppen mit jeweils speziellen kulturellen Ausstattungen, weil es damit einfach war und ist, Funde und Fundgruppen anzusprechen.

In Standardpublikationen findet man z.B. unter den „passenden“ Werkzeugtypen auch solche abgebildet, die nicht in die Zeit der übrigen Funde „passen“ und die dann ausweichende formenkundliche Benennungen finden, wie z.B. Kerbspitzen im jüngeren Gravettien des Abri Pataud, die dann aber nicht als Kerbspitzen klassifiziert werden sollten. Auch Mikrolithen und rückenretuschierten Geräten in der Hamburger Kultur von Ahrensburg erging es ebenso.

 

Micoquien und MTA

Besonders deutlich wurde dieses zwanghafte Denkmuster bei der strikten Trennung des westeuropäischen Moustérien de tradition acheuléenne (=MTA) vom mitteleuropäischen Micoquien. Obwohl beide Fundgruppen bis in sehr spezielle Details hineingehende gleiche Werkzeuginventare und Herstellungstechniken aufweisen und im gleichen zeitlichen Rahmen der frühen und mittleren letzten Kaltzeit gesehen werden, gelten sie als getrennte kulturelle Erscheinungen, weil einzig ’Keilmesser’ in der östlichen Provinz stärker und ‚Rückenretuschierte Messer’ häufiger in der westlichen Provinz zu finden sind. An die Möglichkeit, dass diese besonderen Messertypen vielleicht auf unterschiedlich verfügbare Rohstoffqualitäten zurückgehen könnten, mag sich bisher keiner der Forscher einlassen. Die gedankliche Einheit von Kultur und Geographie in der Urgeschichte ist beherrschend.

 

Was ist Jungacheuléen?

Ein sehr verwandtes Problem besteht bei der Definition der faustkeilführenden Inventare West- und Mitteleuropas, die zeitlich mit dem älteren und jüngeren Moustérien zusammen vorkommen. Wohlgemerkt: diese kulturellen Gruppen werden durch das Vorhandensein und Fehlen von Faustkeilen definiert; auf der einen Seite Jungacheuléen, Micoquien und MTA, auf der anderen Seite verschiedene Arten von Moustérien. Ob das Auftreten von Faustkeilen oder deren Fehlen mehr mit bestimmten lokalen oder saisonalen Wirtschaftsweisen zu tun hat als mit standardisierten Werkzeugausstattungen imperativer Traditionen, steht bisher ganz im Hintergrund der Beurteilung derartiger Fundkomplexe. Obwohl doch der Gedanke nahe liegt, dass stets solche Steingeräte gemacht worden sind, die für bestimmte Anlässe notwendig waren. Also könnten Inventare mit Faustkeilen der Nachweis dafür sein, dass aus der Tradition des zuvor bestehenden Acheuléen, Kenntnisse der Faustkeile und ihres Nutzens später dann noch zur Anwendung kamen, wenn es opportun erschien. Für die Urgeschichtsforschung gilt aber: Was einmal überzeugend formuliert worden ist, ist dann das unerschöpfliche und nur schweren Herzens ablegbare Schatzkästlein unserer vorbehaltlos klassifizierenden Denkweise. Damit verstehen wir uns untereinander und haben nach Außen ein geschlossenes Auftreten.

 

5. Die Unschärfe der formenkundlichen und kulturellen Ansprache urgeschichtlicher Funde

Formenkunde

Gerade die urgeschichtliche Archäologie bietet gute Beispiele für die Unschärfe von Kategorien. Die (symbolische) Definition eines Faustkeils ist: Beidflächig bearbeitetes, längliches und mehr breites als dickes Steinwerkzeug mit zwei gegenüberliegenden scharfen Kanten, die in einer mehr oder weniger prominenten Spitze auslaufen. Die Realität dieser Fundgruppe weist aber sowohl nur partiell als auch vollkommen einflächig bearbeitete Faustkeile auf, als auch statt einer Spitze sehr häufig abgerundete oder sogar querschneidige Enden erscheinen. Die Abgrenzung zu Keilmessern oder beidflächig bearbeiteten Schabern ist in manchen Fundkomplexen nicht eindeutig sondern diffus. Aber die abstrakten Bilder von typischen Faustkeilen, Keilmessern oder Schabern in unserer gedanklichen Vorstellung sind eindeutig definiert. Dennoch können in der archäologischen Realität Artefakte, die von diesen Bildern im Kopf abweichen, von Person zu Person unterschiedliche Ansprachen erfahren. Dafür gibt es unzählige Belege. Der Autor dieser Zeilen ordnet beispielsweise Miniaturfaustkeile und flächig bearbeitete Pics (frz. für Spitzhacke) wegen ihrer herstellungstechnischen und formalen Nähe zu den Faustkeilen auch in die Gruppe der Faustkeile ein. Ebenso scheint es ihm unmöglich scharfe Grenzen in die Reihung der folgenden Steingerättypen zu bringen: Spitzer Schaber, Moustier-Spitze, Herner Spitze, einflächig bearbeiteter Faustkeil aus Abschlag und zuletzt ‚echter’ Faustkeil. Zwischen den jeweilig benachbarten ’Typen’ gibt es in der Realität der Fundinventare Zwischen- und Übergangsformen. Selbstverständlich darf man dem Schreiber dieser Zeilen nicht unterstellen, er kenne diese ’Typen’ nicht gut genug. Er kennt sie sowohl in ihrer jeweils eindeutigen Ausprägung, als auch in den vielen Möglichkeiten der Übergänge.

 

Datierung und Kultur

Die geologisch-stratigraphischen Datierungen von Fundschichten aus dem Alt- und Mittelpleistozän (ein Zeitraum von mehr als 2 Mio. Jahren) lassen in jedem Fall höchstens vergleichende, relative Datierungen zu. Die damit befassten Wissenschaftler neigen deshalb dazu, eher jüngst mögliche Altersangeben als die Wahrscheinlichen zu liefern, als solche Datierungen zu publizieren, die unter Einbezug unumstößlich viel älterer Daten interpoliert werden könnten.

Charakteristische Faunen- und Florenvergesellschaften sind ebenfalls ein probates Mittel, um relativchronologische Vorstellungen über das Alter von Artefakten zu erlangen, wenn sie aus einem eindeutig gemeinsamen Fundzusammenhang stammen. Die stammesgeschichtliche Entwicklung mancher Tierarten und die unterschiedlichen Umweltbedingungen im Eiszeitalter liefern genügend Hinweise, um die mögliche Altersstellung von Funden damit einkreisen zu können. Absolute Datierungen sind damit aber nicht zu erlangen.

Wenn dann doch einmal Funde auftauchen, die sowohl geologisch-stratigraphisch, als auch durch ihre Faunen- und Florenfossilien und zusätzlichen radiometrischen Daten auf ein übereinstimmendes Datum festgelegt werden können, dann sind möglicherweise die dort vorkommenden Artefakte kulturell nicht wunschgemäß aussagefähig genug. Das ist beispielsweise in der Grotte Vaufrey der Fall, wo vor allem Abschlaginventare gefunden wurden und sie aus Zeitstufen stammen, in denen eigentlich auch beidflächig gearbeitete Faustkeile des (Jung-)Acheuléen zu erwarten gewesen wären.

Naturwissenschaftlich-archäometrische Datierungen wie 14C-Bestimmungen oder die Kalium-Argon-Methode in Jahreszahlen geben selbstverständlich nicht das tatsächliche Jahresalter von Funden an, sondern plausible, allgemein akzeptierte Größenordnungen der vergangenen Zeit. Denn niemand weiß absolut sicher, wie sich Zerfallszeiten zu wirklichen Umlaufjahren der Erde um die Sonne genau verhalten oder ob sich der Zerfall radioaktiver Isotope tatsächlich immer linear und gleichmäßig abspielte. Außerdem gibt es umweltbedingte Wanderungen von isotopisch unterschiedlichen Atomen in bestimmten Milieus von Sedimenten, so dass jüngere Daten stratigraphisch gesehen nicht selten unterhalb von älteren vorkommen.

Keine der bisher in Verwendung gekommenen Datierungsmethoden ist von methodischen und labortechnischen Fehlern absolut frei. Und gelegentlich stark voneinander abweichende Datierungen ein und derselben Probe veranschaulichen immer wieder die Unschärfe der zeitlichen Festlegung von Schichten und kulturellen Hinterlassenschaften.

 

Definitorische Schwierigkeiten bei der kulturellen Einordnung altpaläolithischer Funde

Was zuvor über das Problem Micoquien – Moustérien de tradition acheuléenne angedeutet wurde, gilt in noch stärkerem Maße für altpaläolithische und früh-mittelpaläolithische Funde. Die Anteile von Faustkeilen schwanken in entsprechenden Inventaren zwischen 1 und über 25% aller Werkzeuge. Oft sind diese ’Leittypen’ auch überhaupt nicht vorhanden. Deshalb glauben viele Forscher zwischen faustkeilfreien Traditionen einerseits und dem Acheuléen andererseits unterschieden zu können und möchten diese zwei Kulturen mit unterschiedlichen Menschenarten in Zusammenhang bringen, obwohl es dafür keinen einzigen Beleg gibt! Denn alle menschlichen Fossilien aus Europa, die für älter als knapp 400 000 Jahre angesehen werden, können noch zur großen Gruppe des Homo erectus gestellt werden.

Die Steingerätinventare dieser Zeit sind allerdings außerordentlich vielfältig. Diese Vielfalt reicht von groben Abschlaginventaren mit brutalen Retuschen („Clactonien-Typen“) über Fundkomplexe mit sorgsam retuschierten Schabern und Spitzen (Frühes Moustérien/Charentien) bis zu faustkeilreichen Fundensembles mit Levallois-Technik s.l.

Sie alle stammen selbstverständlich nicht aus einem oder mehreren gemeinsamen geochronologischen Horizonten, sondern aus Zusammenhängen ganz unterschiedlicher Klimaphasen und Umweltbedingungen. Möglicherweise drücken sich alleine darin schon die Verschiedenartigkeiten der Fundkomplexe aus. Aber noch mehr, als allgemeine Umweltbedingungen für die Art der vorhandenen Steingerätkomplexe verantwortlich gemacht werden können, sind höchstwahrscheinlich jahreszeitliche, saisonale Bedingungen dafür ausschlaggebend. Denn die Jagd auf Elefanten und die Zerlegung dieser Tiere erforderte sicher andere Werkzeuge, als die Sammelei von Wasservogeleiern und das Erbeuten von Fischen oder die Wildpferdjagd. Nur sehr große und einheitlich erscheinende Fundkomplexe (wie z.B. der von Münzenberg) spiegeln das Gerätespektrum diversen ökonomischen Verhaltens wieder. Dort fanden sich grobe Chopper und Chopping-tools, neben Kleingeräten der Clacton-Technik zusammen mit Faustkeilen und gelegentlich auch sauber retuschierten Schabern, obwohl das Ausgangs-Steinmaterial für die Herstellung feiner Geräte nicht die günstigsten Voraussetzungen bot.

 

6. Was wirklich ist, wird im Kopf bestimmt

Würden diese Zeilen an international prominenter Stelle publiziert, würden sie die Denkmuster der Urgeschichte-Studierenden beeinflussen. Das ist jedoch nicht der Zweck der Darlegung, denn die Zeit muss dafür reif sein und findige Gelehrte werden in Kurz oder Lang selbst auf entsprechende Sichtweisen stoßen. Das Ziel ist hier, in den lokalen Forscherkreisen die Ehrfurcht vor abgehobenem archäologischen Denken in ihre menschlichen Schranken zu verweisen sowie einen anthropologischen Grundsatz deutlich zu machen, nämlich dass wir gewöhnlich das als wirklich und tatsächlich ansehen, was eine allgemeingültige und „kompetente“ Interpretation der Welt ist. Derartige Wirklichkeiten müssen leicht verstehbar sein und vor allem in der Kommunikation miteinander geteilt werden. Denn wenn etwas von allen Mitmenschen so verstanden und gesehen wird, muss es auch richtig und wahr sein; oder?

 

Maßgebend für das Verstehen der Wirklichkeit ist die jeweilige Kultur

Was hier versucht wurde, für den Kreis urgeschichtlich tätiger Forscher, ihrer Wissenschaft und ihrer Öffentlichkeit an Denkmechanismen darzustellen, das gilt auch – außerhalb der Wissenschaftlichkeit – für das abendländisch-westliche Denken insgesamt, z.B. in der Definition von Frieden, Freiheit, berufliche Beschäftigung, Demokratie oder Sittlichkeit und Moral. (Wenn Berthold Brecht einmal fragte, was das größere Verbrechen sei, nämlich eine Bank zu gründen oder eine auszurauben, dann rührt dies genau an dem Phänomen imperativer Denkstrukturen. In beiden Fällen eignen sich nämlich Menschen des Geldes anderer an, um damit reich zu werden und ein unbesorgtes Leben führen zu können. Aber Banker werden nur in Ausnahmefällen als negativ gesehen, nämlich dann, wenn man sieht, dass das eigene Geld von ihnen veruntreut worden ist. Ansonsten genießen sie hohes soziales Ansehen.)

 

Andere Völker, andere Sitten

Jeder weiß, dass Höflichkeit und ’Gutes Benehmen’ in Asien etwas Anders ist, als in Westeuropa. Ebenso unterscheiden sich Tischsitten und Essgewohnheiten. Also teilen Menschen in der Gemeinschaft ihre Sichtweisen und Überzeugungen ebenso wie ihre alltäglichen Verhaltensmuster. Das kann aus gutem Grund auch auf urgeschichtliche Menschen übertragen werden. Insofern gibt es keine Unterschiede zwischen ihnen und uns. Aber: nicht jeder gegenwärtige Mensch in München oder Frankfurt besitzt oder fährt ein Auto. Nicht jeder isst Fleisch. Nicht jeder ist religiös oder spielt ein Musikinstrument. Man versucht den Führerschein zu erlangen und ein Auto zu besitzen, wenn es notwendig ist, aber nicht, um es als imperative Visitenkarte der eigenen Zivilisation vorzuführen. Ebenso ist die technische Ausstattung einer in den Ferien campenden Familie anders als daheim. Entsprechendes Verhalten ist ur-menschlich.

 

Es gibt demnach zwei divergierende Verhaltensmuster in Gemeinschaften und Gesellschaften. Die eine Seite normiert uns im Denken und unserer Ethik, die andere ist die pragmatische oder ökonomische Seite.

So sehr die Form und Verwendung eines Faustkeils kulturellen Maßgaben unterlag, so wenig war jemand gezwungen, einen Faustkeil herzustellen und zu benutzen, wenn es um Lachsfang und –verarbeitung ging.

 

7. Fazit

Kategorien und Klassifizierungen bewahren wir im Kopf. Aber deren alltägliche Verwendung  geschieht weder in der Wissenschaft noch im Alltag jederzeit voll bewusst. Ebenso bleiben die Unschärfen von Kategorien und Klassifizierungen in der gewöhnlichen Kommunikation unbeachtet. Beides gehört zu unserem ur-menschlichen Verhalten.

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