Mein Großvater und der Homo erectus!

Altsteinzeitliche Schlagtechniken im Straßenbau des frühen 20. Jahrhunderts.

Eine Betrachtung von Norbert Kissel

Der Fund

Zeichnung: N. Kissel 2013

Das Gerät hat eine kubische Grundform und ließe sich geometrisch vielleicht als Pyramidenstumpf bezeichnen. Es besteht aus Basalt, weist unzweifelhaft anthropogene Bearbeitungsspuren auf und ist in der sogenannten harten, bisweilen bipolaren Schlagtechnik des Altpaläolithikums hergestellt.

Fundort ist der südliche Westerwald.

Die zeitliche Einordnung ist gesichert: Sehr, sehr spätes Holozän – ich habe den Hersteller des Artefakts noch persönlich gekannt!

 

Es handelt sich bei dem Gerät natürlich um einen Pflasterstein, genauer gesagt um ein Raupflaster aus Basalt.

Geschlagen hat ihn mein Großvater Heinrich Kissel (1895 – 1976), der bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts als sogenannter Steinrichter in einem Basaltbruch bei Heckholzhausen seinen Lebensunterhalt verdiente.

Ihm widme ich diesen Artikel.

 

Altsteinzeitliche Technik des 20. Jahrhunderts

Steinrichter waren keine Steinmetze. Sie waren Arbeiter, die sommers wie winters vor ihren kleinen „Kipperbuden“ saßen und aus den Basaltbrocken, die morgens zu ihren Füßen abgeladen wurden, Pflastersteine zurechtschlugen. Diese “Kipperbuden” ähnelten übrigens einigen Rekonstruktionen altpaäolithischer Behausungen (das aber nur am Rande).

“Kipperbuden” in einem Basaltbruch im Westerwald

Das einzige Bearbeitungswerkzeug der Steinrichter war ein einfacher Hammer, sozusagen ein Schlagstein aus Metall. Die Größe und die Form der normierten Pflastersteine musste genaustens eingehalten werden. Darüber hinaus durfte es nicht zu Materialverschwendung kommen. Ein bloß additives Vorgehen bei der Herstellung eines Pflastersteins war keinesfalls ausreichend. Denn es ging nicht darum, aus dem vorhandenen Material “irgendwie und irgendwann”  eine Art Würfel herauszuschlagen, sondern verlangt war die Massenproduktion eines in seinen Proportionen exakt festgelegten Gegenstandes, unter Zeitdruck und mit der Vorgabe, im Produktionsprozess eine ganz bestimmte Technik anzuwenden.

Meinen Großvater verbindet mit einem Homo erectus also nicht nur die evolutionäre Abstammung, sondern auch planvolles Handeln und die Verwendung einer tradierten Schlagtechnik bei der  Herstellung eines normierten Steingeräts.

Und es gibt noch eine weitere Verbindung: Eine solide, durch die Schule der Erfahrung erworbene Kompetenz im Umgang mit dem Rohmaterial.

Hierzu eine kleine Geschichte aus der Familienchronik:

Kraft oder Technik

Als einmal das bescheidene Anwesen der Familie Kissel durch eine Terrasse baulich erweitert werden sollte, machten sich Vater und Söhne mit Traktor und Wagen auf den Weg zum nahegelegenen, mittlerweile stillgelegten Steinbruch um dort einige der Basaltsäulen zu brechen und sie als Packlager in das Fundament der Terrasse einzubringen. Den Großvater, der sich mittlerweile im Rentenalter befand, nahm man mit, kannte er doch die guten Stellen, wo die Basaltsäulen wie Orgelpfeifen aus dem Boden ragten.

Im Steinbruch angekommen begann man sogleich mit schweren Hämmern und Kreuzhacken auf die Steinsäulen einzuschlagen – ohne dabei jedoch die gewünschten Resultate zu erzielen!

Schweißgebadet musste man sich schließlich nicht nur handwerkliches Ungeschick eingestehen, sondern man hatte überdies auch noch das spöttische Lächeln des Großvaters zu ertragen. „Kannst du es etwa besser, Opa?“, lautete schließlich die herausfordernde Frage. Daraufhin verlangte der Großvater wortlos nach einem kleinen Hammer und trat an eine der  Säulen. Mit zusammengekniffenen Augen und seitlich geneigtem Kopf betrachtete er den Stein, tastete ihn kurz ab und versetzte ihm dann ohne große  Vorbereitung einen trocken Schlag, woraufhin die Basaltsäule augenblicklich in einer schnurgeraden Linie abriss – sehr zum Erstaunen der übrigen Familienmitglieder!

“Mit Steinen muss man spielen!”, war der einzige und für alle anderen recht kryptische Kommentar des alten Mannes.

Doch eigentlich war es kein Wunder, dass dem Großvater gelungen war, woran sich junge starke Männer vergeblich versucht hatten: Für einen Steinrichter, der täglich 8-10 Stunden im Akkord arbeitete, war es einfach notwendig, den Stein mit einem möglichst geringen Kraftaufwand zu bearbeiten. Fundierte Kenntnisse über die Strukturen des Basalts und dessen Spalteigenschaften waren deshalb unverzichtbar. Diese Kenntnisse wurden nicht in besonderen Schulungen, sondern vor allem durch Nachahmung und Erfahrungen erworben.

 

Fazit

Welche Erkenntnisse sollen nun aus alledem für die Altsteinzeitforschung gezogen werden?

1. Altsteinzeitliche Schlagtechniken sind keine Techniken der Vergangenheit, sondern finden sich sowohl  in Bereichen moderner, industrieller Produktionen wieder als auch in vielfältigster Weise innerhalb der bildenden Kunst wie z. B. der Bildhauerei. Deshalb ist es unpassend, sie als primitiv zu klassifizieren.

2. Es darf dem frühen Menschen unterstellt werden, dass er über fundierte und sicher auch tradierte Kenntnisse über die Eigenschaften des von ihm verwendeten Rohmaterials verfügte. Es gibt altpaläolithische Polyeder, die einem modernen Pflasterstein in Bearbeitung (und mitunter sogar in der Form) sehr ähnlich sind. Für ihre Herstellung bedarf es einer anspruchsvollen technischen Fertigkeit und planerischem, vorausschauendem Tuns.

Die Herstellungstechniken altpaläolithischer Werkzeuge sind Ausdruck eines über Jahrtausende hinweg optimierten Handelns.

 

Annähernd quaderförmiger Polyeder aus dem Paläolithikum
Fundort: Wetterau, Zeichnung: N. Kissel 2005

3. Die vermeintlich primitive Bearbeitungstechnik des harten Schlags, lässt keinerlei Rückschlüsse auf die geistige Leistungsfähigkeit des Menschen zu. Mein Großvater gehörte zweifellos der Spezies Homo sapiens sapiens an. Er wendete die Technik nicht aufgrund geistigen Unvermögens an, sondern weil diese Technik zu seiner Zeit als effektiv angesehen wurde und weil er als Sohn eines Tagelöhners in die gesellschaftliche und soziale Verhältnisse eines Steinbrucharbeiters hinein geboren war.

Ethnologische Beobachtungen bei Völkern an der pazifischen Küste Südamerikas oder in Indonesien belegen überdies, dass für einfache Tätigkeiten noch in jüngster Vergangenheit sehr schlichte Steinwerkzeuge mit archaischen Schlagtechniken angefertigt wurden.

Außerdem kann ein quasi atavistisches Verhalten bei der Werkzeugherstellung jederzeit und überall beobachtet werden, wenn nämlich das Schweizer Offiziersmesser irgendwo aus dem Rucksack gefallen ist und es nun darum geht, ad hoc ein Grillsteak zu tranchieren oder einen Wanderstock zu entasten – der Mensch sucht sich einen scharfen Stein oder er stellt sogar ein einfaches Steinwerkzeug her.

Einen zwingenden Zusammenhang von Intelligenz und Schlagtechnik bei der Bewertung altpaläolithischer Artefakte gibt es jedenfalls nicht.

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