“Abgesplitterte Stücke”

Von Klopfgeräten mit leicht konkaven Abnutzungszonen

Autor: Lutz Fiedler

 

Teil I

Im Münzenberger Fundmaterial, aber auch auf jungpaläolithischen oder mesolithischen Fundstellen in Hessen und anderenorts kommen gelegentlich Klopfgeräte mit zentralen Narbenfeldern vor, die meistens  leicht ausgehöhlt abgenutzt sind. Solche Nutzungsgrübchen finden sich manchmal auch an den Enden stabförmiger Retuscheure, wenn sie intensiv benutzt worden sind.

Am häufigsten sind sie jedoch auf schwereren Hammersteinen zu finden. Sie sind dann als Geräte zum Zerspalten harter, zäher Silexrohmaterialien . Die ’Kerne’ wurden dabei auf einer widerstandsfähigen  Unterlage aufgesetzt und von oben mit kräftigen Schlägen behauen. Dabei splittern längliche Absplisse ab, die als Grundformen zur direkten Weiterbenutzung oder auch retuschiert verwendbar waren. Die Restkerne sind dann „Ausgesplitterte Stücke“.

 

Klopfstein aus Zoukoutian


„Ausgesplitterte Stücke“ entstanden aber auch, wenn Flint- oder Quarzitabschläge als Meißel benutzt wurden, z.B. bei der Zerlegung harter Knochen und Stoßzähnen im Jungpaläolithikum oder beim ’Abschlichten’ (Ebnen) von Reib- oder Mahlsteinflächen im Mesolithikum und der Jungsteinzeit.

Abbildungen nach Fiedler 1985 in “Quartär”

Das abgebildete Beispiel eines Hammersteins stammt aus alten Grabungen in der Höhle von Zoukoudian (China). Es ist ein Chopper des Homo erectus, der in zweiter Verwendung als Hammer zum Zerlegen des dort üblichen Quarzrohmaterials, 2. Abbildung,  gedient hatte.

Anlass dieser Meldung ist, dass paläozoischer Chalzedon, der sehr hart und spröde ist, in Hessen oft in der geschilderten bipolaren Kerntechnik bearbeitet wurde.

 

Teil II 

Der erste Teil zum Thema ’Ausgesplitterte Stücke’ ist mit dem Beispiel eines Choppers, der als Klopfstein verwendet wurde, sowie zwei Quarzgeräten aus dem Altpaläolithikum von Zoukoudian eingestellt worden. Hier sollen nun drei weitere Artefakte gezeigt werden, die Beispiele einer nahezu globalen und alle Epochen der Steinzeit umfassenden Technik repräsentieren (die übrigens auch in Nord- und Südamerika zur Anwendung kam).

Das erste Bild zeigt ein schaberartig retuschiertes ’Ausgesplittertes Stück’ aus dem Oldowan von Makuyuni in Tansania. Ganz ähnliche Funde wurden auch in allen paläolithischen Schichten der Olduvai-Schlucht geborgen. Man kann also von einer technologischen Tradition sprechen, die dort seit 1,8 Mio. Jahren bis 300 00 Jahre BP belegt ist. Vermutlich geht sie auf Steinzertrümmerungs-Methoden zurück, die schon von Australopithecinen entwickelt wurde, aber deren Artefakte nicht eindeutig bestimmbar sind, weil im gleichen Gebiet Steine bei Vulkanaktivitäten hochgeschleudert wurden, aus großer Höhe auf anderes Gestein herunterfielen und zerplatzt sind.

In der zweiten Abbildung ist ein ’Ausgesplittertes Stück’ aus Quarzit zu sehen, das aus dem Mesolithikum von Haiger „Sechshelden“ (Slg. B. Greb) stammt. Derartige Geräte würden dort offensichtlich benutzt, um Reibplatten zum Gebrauch herzurichten, indem deren Flächen mit einem steinernen Meißel, einem ’Ausgesplittertes Stück’, gleichmäßig eben gemacht (’geschlichtet’) wurden. Die Spuren dieser Bearbeitung sind auf einigen Reibplatten noch gut zu erkennen. Sie ähneln dann denjenigen auf neolithischen (bandkeramischen) Mahlsteinen, an deren Fundstellen ’Ausgesplittertes Stücke’ oft in erheblicher Anzahl geborgen werden. (Ein Aufsatz über den Fundplatz befindet sich in der Redaktion des LfD-Hessen in Druckvorbereitung für die Fundberichte aus Hessen).

Die dritte Abbildung gibt ein Geröllgerät aus Münzenberg wider, ein Epannelé, das eine Zweitverwendung als Klopfstein gefunden hatte. Man erkennt deutlich das zentrale Narbenfeld, das in diesem Fall durch die intensive Nutzung auch leicht konkav geworden ist. Im Münzenberger Gebiet kommen Quarze am „Steinberg“ als Pseudomorphosen von Schwerspat vor. Sie wurden nachweislich auch als Rohmaterial der Steingeräteherstellung genutzt. Wegen der Sprödigkeit des Ausgangsmaterials sind aber nur wenige davon als eindeutig identifizierbar. Gute Abschläge sind selten, aber retuschierte Spaltstücke, manche chopperähnlich, zeugen von der bipolaren Kerntechnik.

 

Literatur zu ’Ausgesplittertes Stücken’

Eickhoff, S. 1988: Ausgesplitterte Stücke, Kostenki-Enden und „retuschierte Bruchkanten“. Einige Aspekte zu Untersuchungen der Artefakte aus westeuropäischem Feuerstein auf dem Magdalénien-Fundplatz Gönnersdorf. Archäologische Informationen 11, 136-144.

Fiedler, L. 1979: Formen und Techniken neolithischer Steingeräte aus dem Rheinland. Beiträge zur Urgeschichte des Rheinlandes III. Rheinische Ausgrabungen 19, 53-190.

Floss, H. (Hrsg.) 2012: Steinartefakte vom Altpaläolithikum bis in die Neuzeit. Tübingen.

Hahn, J. 1977: Aurignacien. Das ältere Jungpaläolithikum in Mittel- und Osteuropa. Fundamenta A9. Köln und Wien

Jones, P.R. 1980: Experimental butchery with modern stone tools and its relevance for palaeolithic archaeology. World Archaeology 12, 2, 153-165.

Jones, P.R. 1994: Results of experimental work in relation of the stone industries of Olduvai Gorge. In: M. Leakey & D.A. Roe 1994: Olduvai Gorge. Vol. 5, Excavations in Beds III, IV, and the Masek Beds 1998-1971. With Contributions by P. Callow, R.L. Hay, P.R. Jones, Celia K. Nyamweru and D. A. Roe. Cambridge, 254-298.
Le Brun-Ricalens, F. 2012: Ausgesplitterte Stücke, Kenntnisstand nach einem Jahhundert Forschung. In: Floss, H. (Hrsg.): Steinartefakte vom Altpaläolithikum bis in die Neuzeit. Tübingen, 439-456.

PIEL-DESRUISSEAUX, J.-L. 2004: Outils Préhistoriques. Du galet taillé au bistouri d’obsidienne. (4. édition) Paris. (5.°édition 2007).

 

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