Fremder Phonolith im Marburger Land

Ein Levallois-Abschlag aus Beltershausen
und die Streifgebiete der Neandertaler

Autor: Lutz Fiedler

Schon vor einigen Jahren fand ich auf einem mit frühneuzeitlichem Brandschutt aufgefüllten Acker südlich von Beltershausen zufällig einen distal beschädigten Levallois-Abschlag. Das ist bemerkenswert, weil Phonolith nicht in dieser Gegend (Marburger Land) vorkommt und somit einen Transport von wahrscheinlich 50 km hinter sich hat. Im Mittelpaläolthikum wurde hier überwiegend – in dieser Reihenfolge – Kieselschiefer, Quarzit, tertiärer Chalzedon und sehr selten auch Feuerstein verwendet.

Die regionale Mobilität der Neandertaler reichte, wie wir auch sonst aus Europa wissen, durchaus über einen Radius von 100 km hinaus.

Ob das bedeutet, dass Gruppen oder einige Mitglieder von Gruppen auf saisonalen Jagdstreifzügen persönlich beispielsweise in Gegenden mit natürlichen Feuersteinvorkommen gelangt sind oder ob Artefakte aus Flint durch soziale Kontakte mit benachbarten Gruppen sukzessive weitergereicht wurden, ist nicht grundsätzlich zu beantworten.

Aber es ist zu vermuten, dass – wie auch immer – mit dem Transport fremder Rohstoffe auch ein geographisches Wissen über die jeweils eigenen Habitate hinaus verbreitet wurde. Und das kann bei der damaligen geringen Bevölkerungsdichte durchaus junge Leute aus Gruppen, deren Größe ein ökonomisches Maß überschritten hatte, dazu veranlasst haben, ihre Gruppe zu verlassen, um in der nicht völlig fremden Welt eine neue Heimat zu finden.

Da dieser Levallois-Abschlag aus Phonolith ein typisches und wohlgelungenes Werkzeug war, ist zu vermuten, dass er für den Transport speziell ausgewählt worden ist – sei es als eigenes „Taschenmesser“ oder sei es als „Mitbringsel“ für die weit entfernt wohnenden Nachbarn oder Verwandten. Er kann zufällig verloren, zerbrochen und absichtlich abgelegt oder als Reiseandenken verschenkt worden sein. Jedenfalls zeigt er uns, dass diese frühen Vorfahren keine „Stubenhocker“ waren.

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