Probleme bei der Beschaffung von Rohmaterial?

Eine Interpretation spätpaläolithischer Funde aus dem Hessischen Ried

Autor: Jürgen Hubbert

 

Die Topographie des Fundgebietes

Geologisch gesehen ist das Rhein-Maingebiet recht jung. Oberflächliche Fundplätze aus der Zeit des Spätpaläolithikums und den nachfolgenden Zeiten sind in reichlicher Menge bekannt.

Eine Ursache für die durchgehende Besiedlung des Raumes war sicher der Rhein und seine Nebenflüsse Main und Neckar, die wenige Kilometer südlich der heutigen Mainmündung sich mit dem Rhein verbündeten. Die Altläufe sind auf der topographischen Karte gut zu erkennen und zeichnen sich noch heute deutlich in der Landschaft ab. Das mit den Flüssen verbundene Wachstum der Vegetation und natürlich das Wasser lockten jagdbare Tiere und damit sicher auch den Menschen an. Der Fischreichtum dürfte ein weiteres verlockendes Ziel für unsere Vorfahren gewesen sein.

Heute ist die Oberfläche des Hessischen Rieds durch den Ackerbau eingeebnet und plan. Das Bild der Oberfläche vor der Einführung der Landwirtschaft kann man nachempfinden, wenn man die Landschaftsböden in den heutigen Wäldern betrachtet: Winddünen und fluviatile Ablagerungen bilden eine sehr unruhige Oberfläche.

 

Der Fundplatz

Der Fundplatz, über den hier berichtet wird, liegt in der Nähe von Ginsheim – Gustavsburg und wurde vor einigen Jahren vom Schreiber dieses Berichtes entdeckt und seitdem beobachtet. Er gehört zu einer Reihe von Fundplätzen, die im Rhein Main Gebiet bekannt sind. Die Topgraphie dieser Fundplätze haben alle etwas Gemeinsames: Sie liegen nördlich eines ehemaligen Flusslaufes. Nur der hier beschriebene Fundplatz liegt ca. 40m südlich eines Altmainlaufes. Das nördliche Gebiet liegt tiefer als der Fundplatz und dürfte in der Vergangenheit als Überschwemmgebiet angesprochen worden sein. Trotz der landwirtschaftlichen Nutzung, ist am Fundplatz noch heute eine leichte Bodenerhebung von 30 bis 40 cm zu erkennen. Diese dürfte in prähistorischer Zeit erheblich höher gewesen sein.

 

Das Material der Funde

Das Fundmaterial besteht zwischenzeitlich aus über 100 Artefakten und wurde auf einer sehr beschränkten Fläche von  ca. 15m x 15m über mehrere Jahre aufgelesen.

Bei neunzig Prozent des Materials handelt es sich um Kieselschiefer (Radiolarit). Das Material findet sich an den Altläufen, wobei das Rohmaterial selten größer ist als die Abmessungen einer Faust. Die Materialhärte entspricht durchaus der des Feuersteins, nur hat das Material für die steinzeitlichen Anwendung einen erheblichen Nachteil: Da es sehr von Schichten durchzogen ist, eignet es sich in der Regel nicht zur Herstellung von größeren Klingen.

Die restlichen zehn Prozent des Materials sind nordischer Feuerstein, Chalzedon, Quarzit und Grünstein.

 

Die Artefakte

Die in den Abbildern gezeigten Artefakte sind, wenn nicht besonders angegeben, alle aus Kieselschiefer.

Mikrolithen konnten bisher (noch nicht) ausgemacht werden.

In den Abbildungen 1 bis 4 werden unterschiedliche Kratzer gezeigt: Die Varianten reichen vom Klingenkratzer bis zum Daumenkratzer mit steilen Retuschen.

Die Abbildung 5 zeigt einen Stichel, der wohl länger war und abbrach oder bewusst gekürzt wurde.

Die Abbildung 6 zeigt einen breiten Abschlag mit zarten Retuschen im dorsalen Bereich, aber auch stellenweise proximal nahe der Spitze. Bei der in beiden Aufsichten gezeigten Kerbe unterhalb der Spitze handelt es sich um eine Veränderung im Material, die bei der Herstellung des Abschlags einen lateralen Einzug bewirkte. Bei dem Material handelt es sich um Feuerstein.

Die dunkle Stelle im linken Bild ist eine Art Versinterung eines beigefarbenen, tonartigen Materials.

In den  Abbildungen 7 bis 13 werden unterschiedliche Klingen dargestellt. Die im Abbild 7 gezeigte Klinge wurde aus Chalzedon und die Klingen der Abbilder 10 und 12 wurden aus Feuerstein hergestellt. Lediglich bei den Abbildern 12 und 13 ist der Bulbus vorhanden.

 

Eine Auswahl von Kernen wird in den Abbildern 14 bis 24 dargestellt.

Von dem in der Abbildung 19 dargestellte Artefakt wurden beidseitig Lamellen abgebaut. Das Material ist Feuerstein.

Quarzit ist das Material des Artefakts, der in der Abbildung 24 gezeigt wird. Landläufig wird ein solcher Kern als „Diskoider Kern“ bezeichnet. Der planmäßige sternförmige Abbau des Werkstückes lässt aber die Vermutung aufkommen, dass es sich aber auch um ein Werkzeug handeln könnte.

Die in den Abbildungen 14 und 16 gezeigten Kerne deuten – im Gegensatz zu den meisten anderen – auf eine geringe Nutzung des Rohmaterials. Die beiden Kerne hätten sicherlich noch einige brauchbare Klingen abgegeben. Warum wurde diese Möglichkeit nicht genutzt?

Betrachtet man im Gegenzug den Kern in Abbildung 20 erkennt man deutlich, dass bei dem Abbau  versucht wurde, jede Möglichkeit zur Klingen- oder Lamellenherstellung zu nutzen.

Noch deutlicher wird dieses Bemühen, wenn man die „Kerne“ in Abbildung 21 und 23 betrachtet: Beides sind Primärabschläge mit Resten der Cortex. Selbst von diesen kleinen Abschlägen wurden proximal erfolgreich Lamellen abgetrennt. Ihre Herstellung erfolgte entweder mit der Hilfe eines Druckstabes oder durch Abschlagen. Bei letzterem Vorgang muss auf jeden Fall ein Amboss (siehe Abb. 25) benutzt worden sein, damit die Reaktionskräfte des Schlages aufgenommen werden konnten. Schwer vorstellbar ist dabei die Möglichkeit, den kleinen „Kern“ nur mit den Fingern beim Schlagen auf dem Amboss zu halten.

Welches Bild hatte der Hersteller dieser Artefakte (Abb. 21 und 23) im Kopf: War es das Herstellen von Lamellen (und somit schließlich von Mikrolithen) – oder – war der übriggebliebene „Kernrest“ das Ziel seiner Träume – also ein Werkzeug oder Werkzeugeinsatz?

Was aber könnte eine Antwort auf die bereits oben gestellte Frage sein: Warum sind einige Kerne nicht weiter genutzt, andere jedoch aufgebraucht, „bis wirklich nichts mehr geht“? Könnte es sein, dass ein temporärer Unterschied von zwei Besuchen des Fundplatzes durch die damaligen Menschen bestand? Die ersten Besucher hatten nicht mehr genügend Rohmaterial, während die zweite Gruppe gut ausgerüstet war. Von der zweiten Gruppe könnten nach einer solchen Überlegung die kaum aufgebrauchten Kerne stammen…

Der in Abbildung 25 gezeigte Klopfstein besteht aus quarzitem Sandstein. Wie oben bereits erwähnt, könnte er als Amboss benutzt worden sein. Leichte Gebrauchsspuren in Form kleiner Kerben zeigen sich im Zentrum. Die radiale Fläche wurde wohl zum Klopfen aber auch zum Schleifen benutzt: Deutliche Unterschiede in der Rauhigkeit sind spürbar.

Die Abbildung 26 zeigt das Bruchstück einer Schieferplatte mit einer konischen, kreisförmigen Vertiefung. Die Vertiefung wurde durch eine Drehbewegung mit einem Holz (oder auch Knochen) erstellt. Deutlich ist der Durchbruch der einzelnen Schieferschichten zu erkennen. Eine Interpretation wäre wohl die Bezeichnung „Gegenhalter“.

Eine zeitliche Einordnung des Fundplatzes wäre – vorsichtig gesagt – das Endpaläolithikum.

 

Gedanken zur Rohmaterialbeschaffung

In der heutigen Zeit werden Innovationen erst geboren, wenn besondere Probleme anstehen. Erst anstehende Probleme motivieren zur Kreativität und führen zu Innovationen. Dies ist durch entsprechende Studien belegt. Probleme können sich über alle Bereiche des Lebens erstrecken, wie z. B. in sozialen Bereichen, aber auch in der Entwicklung der heutigen Technik. Geschützt sind heute Innovationen durch Urheberrecht, Gebrauchsmusterschutz oder durch Patente.

Wie bereits oben erwähnt, zeigt der Fundplatz deutliche Hinweise auf einen Mangel an Rohmaterial. Die im Endpaläolothikum geborenen Innovationen in Form der auftretenden Mikrolithen und abgenutzte Kratzer, können durchaus auf den Rohmaterialmangel zurückzuführen sein.

Für die Herstellung von Pfeilspitzen wurden nur kleine Einsätze (Mikrolithen) benötigt. Diese Einsätze waren materialsparend, wobei Ersatzteile vor Ort nach Bedarf aus Lamellen oder Klingen angepasst werden konnten. Ein weiterer Vorteil neben der Materialersparnis dieser kleinen Bauweise war auch das geringe Gewicht der Ersatzteile. Dies war sicher ein starkes Plus für die Beweglichkeit bei Wanderungen oder der Jagd.

Der Materialmangel kann durch Klimaänderungen hervorgerufen worden sein: Wintereinbrüche konnten die Wege zu Fundplätzen mit gutem Rohmaterial verhindern. Bei dem oben beschriebenen Fundplatz war Kieselschiefer wohl die einzige Alternative zu dem Klassiker Feuerstein. Die Fundplätze für Kieselschiefer liegen in der Regel in den Kiesbänken der Altläufe. Das Klima –  z. B. auf diesem Fundplatz bei Hochwasser – war vielleicht die Ursache, dass die Kiesbänke nicht mehr erreichbar waren…

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