Frühes Mesolithikum bei Haiger

 

Autor: Johannes Heyermann, Olpe

Bei Haiger an der Dill habe ich 1996 zwei mittelsteinzeitliche Fundplätze entdeckt und seitdem regelmäßig abgesammelt. Während der eine mit bis jetzt über 1900 Artefakten auf einen oder mehrere kurzfristige Aufenthalte der mittelsteinzeitlichen Jäger und Sammler hinweist, hat der zweite Fundplatz mit weit über 9000 Artefakten den Charakter eines häufig und immer wieder aufgesuchten Rastplatzes.

Der Fundplatz

Der Platz ist Teil eines nicht sehr großen Feldes, das sich schwach geneigt nach Osten erstreckt. Nach Osten und Süden habe ich die Grenzen des Fundplatzes innerhalb des Feldes  erfasst, nach Westen und Norden erstreckt sich der Platz in Wald und Brachland weiter. Wie weit ist nicht erkennbar. Das Areal, das ich absuche, umfasst etwa 3000 Quadratmeter.

Weil der Platz meiner Meinung nach viele Besonderheiten aufweist, will ich ihn hier vorstellen.

Das Material

Die Rohmaterialien für die Artefaktherstellung sind Kieselschiefer, Basalthornstein, Feuerstein, Chalzedon, Karneol und Quarzit, wobei der Kieselschiefer mit  95,5 % das am häufigsten verwendete Material ist.

Rohmaterialien in der Reihenfolge von oben nach unten: Kieselschiefer, Feuerstein, Basalthornstein, Karneol und Quarzit

Das  Rohmaterial war in Bächen und Flüssen der Umgebung z.B. in der nahegelegenen Dill leicht erreichbar.

Der Kieselschiefer kommt in vielfältigen Farben vor wie schwarz (Lydit), hell-und dunkelgrau, grün, türkis, rot, braun oder unterschiedlich gestreift vor, wobei teilweise die Farben durch Patinierung verändert worden sind.

Das zweithäufigste Material mit 320 Stücken = 3,3 % ist der Basalthornstein, der in schlierigen Braun- und Grautönen vorkommt und häufig eine sehr zerklüftete Rinde aufweist. Dieses Material steht lt. Auskunft von Heinrich Janke aus Braunsfeld  dort an und wurde auch im Mesolithikum viel verarbeitet.[1]

Nordischer und westischer Feuerstein, Chalzedon, Quarzit und Karneol sind nur in wenigen Stücken im Artefaktmaterial vertreten, zeigen aber die Größe des Schweifgebietes an.

Die Mikrolithen des Fundplatzes sind in der Hauptsache aus Kieselschiefer gearbeitet worden.

Mikrolithen; von oben nach unten: einfache Spitzen, Dreickspitzen, Dreicke und Segmente sowie Kerbbruchreste

Klassifizierung der Funde

Die Kerbbruchtechnik wurde angewendet aber wohl nicht immer. Dafür ist die Zahl der Kerbbruchreste zu gering im Vergleich mit den Mikrolithen. Die Zahl der Mikrolithen liegt mittlerweile weit über hundert und sie verteilen sich nach Auswertung von eindeutigen und unzerbrochenen Stücken wie folgt: einfache Spitzen 47%, Dreieckspitzen 24%, Dreiecke 16% und Segmente 13%. Damit weist das Mikrolithenspektrum eindeutig auf ein frühes Mesolithikum hin und wegen des hohen Anteils von Dreieckspitzen auf die Zeit im beginnenden Boreal etwa um 8000 vor Chr. „Chronologisch lassen sich die Dreieckspitzen recht gut fassen. Es handelt sich um eine typische Mikrolithform des Frühmesolithikums , die erstmals gegen Mitte des Präboreals auftritt. In der zweiten Hälfte des Präboreals werden Dreieckspitzen zunehmend häufiger und haben dann im Boreal ihre Hauptverbreitungphase.“[2]  Damit ist der Fundplatz Haiger zeitgleich mit mehreren Fundplätzen des frühen Mesolithikums 20 km Luftlinie nördlich bei Netphen im Siegerland. Der Ausgräber eines Fundplatzes „Wittig“ stuft diesen Fundplatz mit einem ähnlichen Mikrolithenspektrum wie Haiger in das frühe Mesolithikum ein, hält ihn aber aufgrund der unterschiedlichen Mikrolithentraditionen für einen vermischten Fundplatz verschiedener frühmesolithischen Gruppen.[3]

Auffälligkeiten, die Fragen aufwerfen

Der unveröffentlichte Fundplatz „Am Hohen Hain“ befindet sich ganz in der Nähe in Netphen und weist über 150 Mikrolithen bei mehr als 7000 Steinartefakten aus. Ich bin mit dem Sammler dort gut bekannt und wir zeigen uns gegenseitig unsere Funde. Das Seltsame ist nun, dass der Sammler den Basalthornstein aus Haiger nicht kennt und meint, nicht ein Stück dieses Materials von seinen Fundplätzen zu haben. Ist es wirklich möglich, dass so große frühmesolithische Plätze keinen Kontakt miteinander gehabt haben?  Offensichtlich war es aber so. Sollte der Rothaarkamm im Frühmesolithikum eine Grenze gewesen sein? Möglicherweise, denn die Fundplätze bei Netphen weisen Kontakte aufgrund der verwendeten Rohmaterialien nach Norden, Westen und Osten auf während der Fundplatz Haiger mehr Kontakte nach Osten und Süden aufweist. Vielleicht ist aber auch das eine Erklärung: das Frühmesolithikum hat mehr als tausend Jahre gedauert.

Eine weitere Besonderheit auf dem Fundplatz Haiger ist die extrem hohe Zahl von Kernsteinen. Es liegen über tausend Stücke und damit über 11% der Gesamtartefaktzahl vor. Es sind alle Materialien und alle Arten von Kernen vorhanden; vom wenige Male angeschlagenen Rohstück bis zu extrem kleinen abgearbeiteten Stücken. Natürlich findet man die Kerne auch in schwerem Boden leichter und ich habe auch nicht jeden Abspliss aufgelesen aber diese hohe Zahl ist nur schwer erklärlich. Vielleicht hängt auch das mit der Funktion dieses Platzes zusammen. Er weist eine sehr hohe Zahl von Mikrolithen und Kernsteinen auf. Andere Werkzeuge, die sonst im Mesolithikum in größerer Zahl vorkommen wie Kratzer, Stichel, Bohrer oder Rückenmesserchen kommen nicht oder in geringer Zahl vor. So liegen ganze sechs Kratzer vor. Auch große Abschläge, Kernkantenklingen oder gleichmäßige große Klingen weisen kaum einmal Gebrauchsretusche auf.  Stichel und Bohrer kommen in keinem Stück vor. Alle Hinweise auf längerfristige Aufenthalte in einem gewöhnlichen Basislager fehlen also. Trotzdem zeigt die große Zahl von Artefakten und die vielen Mikrolithen, dass dieser Platz häufig im frühen Mesolithikum von mobilen Jägergruppen aufgesucht worden ist, die dort in der Hauptsache ihre Gerätschaften vor allem ihre Pfeile repariert haben. Ich halte diesen Platz also für einen Ort, der immer wieder während der Sommermonate auf den jährlichen Wanderungen von den Jägern aufgesucht worden ist.

Aber vielleicht ist das ja auch nicht richtig, weil ich nur eine Ecke eines viel größeren Fundplatzes gefunden habe und absuche. Das kann möglicherweise eine Grabung klären, die hoffentlich in Kürze erfolgen kann.


[1] Janke, Heinrich:  Altpaläolithische Funde von der „Schwan“ bei Braunfels, in: hessen Archäologie 2009, Stuttgart 2010, S. 26

[2] Heinen, Martin: Mikrolithen in: Steinartefakte vom Altpaläolithikum bis zur Neuzeit, hrsg. Floss, Harald, Tübingen 2012, S. 606

[3] Frank, Thomas: Der mesolithische Oberflächenfundplatz auf dem Wittig bei Nethpen, Kreis Siegen-Wittgenstein, in:Ausgrabungen und Funde in Westfalen-Lippe , Jahrgang 4 1986,  Mainz 1987, S. 31

 

Hinweis von L. Fiedler:
Bei der Einordnung des Chalzedons ist zu fragen, ob es sich dabei wirklich um Tertiär handelt. Denn ein Teil der Hornsteine Nordwesthessens ist gleichalt wie die „Karneole“(Eisenkiesel) dieser Gegend und wurden im Devon gebildet. Ihre Genese ist unklar, weil sie gewöhnlich keine mit dem bloßen Auge erkennbaren Fossilien beinhalten und möglicherweise im Zusammenhang mit Diabasentstehungen weit unter der Erdoberfläche stehen.

 


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