Beate Kaletsch – Zeichnerin am Landesamt für Denkmalpflege Hessen

Beim Anblick ihrer Zeichnungen geht jedem Altsteinzeitbegeisterten das Herz auf – Faustkeile, Schaber, Kratzer, Kerne – alle mit höchster Präzision und sicherem Strich zeichnerisch dargestellt und für jeden, der in Wallnerlinien, Stufensprüngen und gepunkteten Cortex-Flächen zu lesen vermag, eine Quelle wissenschaftlicher Erkenntnis und Inspiration: Beate Kaletsch heißt die Frau, die am Hessischen Landesamt für Denkmalpflege in Marburg das zu Papier bringt, was unsere frühesten Vorfahren an handwerklichem Können, geistigen Konzepten und Traditionen vor Jahrhunderttausenden in Stein geschlagen haben.

Ich habe sie im Auftrag der AG in Marburg besucht, um mehr über den Menschen zu erfahren, der hinter diesen Zeichnungen steht.

Beate Kaletsch fertigt wissenschaftliche Zeichnungen von Artefakten an und das in einer Qualität, die Fachleute wie Laien erstaunen lässt. Zweifellos gehört sie zu den Besten ihres Fachs und manchmal fällt die Entscheidung schwer, was denn nun ästhetisch ansprechender – schöner – ist, das Objekt selbst oder seine zeichnerische Analyse durch Beate Kaletsch! Dabei kommt es auf die Schönheit der Darstellung ja überhaupt nicht an, sondern vielmehr auf wissenschaftliche Exaktheit und Sicherheit im Erkennen der Schlagrichtungen und Schlagfolge.

Faustkei, gezeichnet von Beate Kaletsch

Es handelt sich bei den Arbeiten von Beate Kaletsch ausschließlich um technische Zeichnungen. Deshalb gehören neben Bleistift und Tuschestift auch Messgeräte wie die Schieblehre zum unentbehrlichen Handwerkszeug der Zeichnerin. Dass viele Bilder darüber hinaus auch eine künstlerische Aussagekraft besitzen, schreibt Beate Kaletsch in der ihr eigenen Bescheidenheit allein den Objekten selbst zu: „Die Zeichnung eines Faustkeils ist deshalb schön, weil das dargestellte Artefakt schön ist. Ich gebe ja nur wieder, was vorhanden ist.“ Und genau darauf legen die Nutzer ihrer Zeichnungen ja auch Wert: Objektivität und wissenschaftliche Verwertbarkeit.

Beate Kaletsch zeichnet im Auftrag der Landesbehörde, aber natürlich nicht nur Altsteinzeitliches, sondern auch archäologische Funde aus späteren Epochen der Vor- und Frühgeschichte. Irgendwann landen auch bandkeramische Kümpfe, Bronzebeile oder eisenzeitliche Urnen auf ihrem Zeichentisch im zweiten Stock des Landesamtes in Marburg. Und dann werden auch sie zunächst exakt vermessen, dann mit Bleistift vorgezeichnet und schließlich nach erfolgter Kontrollmessungen mit dem Tuschestift auf dem Papier zur Darstellung gebracht.

22 cm langes Steinbeil aus Quarzit,
gezeichnet von Beate Kaletsch

„Da muss schon alles stimmen!“, meint sie und ordnet die zahlreichen Zeichengeräte auf ihrem Tisch. „Das ist übrigens mein Lieblingsstift!“, sagt sie dann mit einem Augenzwinkern und zeigt auf ein Zeichengerät mit einer weißlichen Mine, „mit dem kann man prima ausradieren!“

In diesem Jahr begeht die gelernte Bauzeichnerin, die ursprünglich einmal Sozialarbeiterin werden wollte, ihr 30-jähriges Jubiläum im Dienste der Archäologischen Denkmalpflege. „Mir konnte nichts Besseres passieren, als hier zu landen“, stellt sie rückblickend fest. „Das Landesamt bot mir immer viele Möglichkeiten, mich in meiner Tätigkeit zu entfalten. Mir ist wichtig, dass ich arbeiten und gleichzeitig lernen d.h. mich weiterentwickeln kann. Das war und ist hier in Marburg möglich“. Und außerdem sei sie bei ihrer Arbeit von netten Menschen umgeben und das sei schließlich auch sehr wichtig.

Gelernt habe sie das Zeichnen von Artefakten von Prof. Dr. Lutz Fiedler, dem ehemaligen Leiter der Außenstelle des Landesamtes in Marburg und bekanntermaßen ein Experte für die Altsteinzeit. Als er ihr zu Anfang eigene Zeichnungen zum Nachzeichnen und Vergleichen vorgelegt habe, habe sie nur gedacht: „O Gott, das schaffe ich nie, so zu zeichnen!“ Aber dann habe sie sich mit viel Fleiß in die Materie eingearbeitet und eine Menge Erfahrungen gesammelt. Auch das Schlagen von Steinwerkzeugen unter der Anleitung ihres Mentors und Vorgesetzten habe dazu gehört: „Da saß ich damals im Hof des Landesamtes vor einem Steinhaufen und stellte selbst Abschläge her, um zu erfahren wie Schlagwellen, Bulben und Abschlagsnegative entstehen und wie man sehen kann, aus welcher Richtung ein Schlag erfolgt ist! Das war im besten Sinne Learning by doing und hat mir viel gebracht!“

Präzision ist beim Zeichnen von Artefakten oberstes Gebot

Mittlerweile sei vieles zur Routine geworden, auch die Entscheidungen um die Rekonstruktion des Herstellungsvorgangs bei den Steinwerkzeugen, die ja jeder zeichnerischen Darstellung vorangehe. Doch gäbe es hin und wieder auch Funde, die ihr Geheimnis nicht so leicht preisgäben: „Das Auge ist nach drei Jahrzehnten zwar auf die sichere Erkennung von Spuren einer Steinbearbeitung eingestellt, aber manchmal, insbesondere bei stark abgerollten Stücken, ist es schwer zu entscheiden, was ein intentionaler Abschlag oder ein natürlicher Bruch ist“, erklärt sie. Dann drehe sie das Artefakt eben so lange im Licht, bis sich eine Struktur zeige oder sie versuche die Schlagwellen auf der Steinoberfläche zu erfühlen.

1992 verfasste Beate Kaletsch unter dem Titel „Geschlagen und geschliffen – Dokumentation von Steinertefakten“ ein Führungsblatt zum Verständnis der wissenschaftlichen Darstellungsweise von steinernen Artefakten, das unter der Nummer 104 in der Reihe „Archäologische Denkmäler in Hessen“ erschien.

Ihre Kompetenzen, Erfahrungen und technischen Fertigkeiten gibt sie auch gerne an Interessierte weiter und nimmt auch Laien in entsprechenden Workshops mit hinein in die faszinierende Welt der zeichnerischen Darstellung archäologischer Funde.

Beate Kaletsch vergisst jedoch nie, eines zu betonen: Prof. Dr. Fiedler sei ihr in ihrer beruflichen Tätigkeit immer das großes Vorbild gewesen, dem sie nacheiferte. Dankbar ist sie, dass sie bis heute auf die Beratung des Experten bauen kann. „Obwohl wir schon so lange zusammenarbeiten, überrascht er mich immer wieder in seiner Begabung, mit ganz wenigen, lockeren Strichen die Dinge auf den Punkt zu bringen! Das ist einfach phänomenal!“

Ob das stundenlange, konzentrierte Zeichnen nicht auf die Knochen geht, will ich wissen. Das könne man so sagen, meint Frau Kaletsch mit einem stillen Nicken. Ein spezielles Rückentraining sei als Ausgleich deshalb unentbehrlich.

Und wie es denn mit den Hobbys sei, frage ich weiter, ob denn bei Beate Kaletsch am Wochenende auch zum Zeitvertreib gezeichnet werde und die eingerahmten Werke aus der Freizeitproduktion die Wände im Heim zierten. „ Ach, eher weniger!“, gibt sie zu. Ja, sie male und zeichne zuweilen auch zum Zeitvertreib, aber das Lesen querbeet durch das Literaturangebot und das Erlernen von Fremdsprachen (Englisch, Französisch, Spanisch, Türkisch), das seien ihre eigentlichen Hobbys, dazu ausgedehnte Spaziergänge durch´s Marburger Land.

Mir fallen einige Bilder an den Wänden ihres Büros auf, abstrakte Gemälde in kräftigen, fröhlichen Farben. Ja, dieses hier und dieses dort habe sie gemalt. Nur mal so. Als ich davon eine Aufnahme machen möchte, winkt sie ab. Das sei doch nichts. „Sind bloß Farbkleckse!” meint sie. Ich bin jedoch in der Bewertung ihrer Gemälde anderer Meinung und fotografiere. Ein Bild gefällt mir dabei besonders gut:

“Ohne Titel”
Gemälde von Beate Kaletsch

Wie viele Artefakte sie denn wohl in ihrem Berufsleben gezeichnet habe, will ich wissen. Das könne sie beim besten Willen nicht sagen, antwortet sie mit einem Kopfschütteln. Sie habe sie nie gezählt. Aber es wären eine Menge. Dann öffnet sie einen der großen Aktenschränke, die mit dicken Ordnern gefüllt sind. „Hier sind die Originale meiner Arbeiten untergebracht, in diesen Ordnern“. „… und in zahllosen wissenschaftlichen Publikationen sind sie abgedruckt!“, ergänze ich.
Einige Artefakte seien winzige Mikrolithen gewesen – wenige Millimeter groß, erzählt sie beim nachdenklichen Blättern in einem der Ordner. Andere dagegen hätten stattlicher Ausmaße gehabt, darunter auch ein bearbeiteter Baumstamm.

Beate Kaletsch ist seit vielen Jahren Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Altsteinzeit und Mittelsteinzeit Hessen. Die AG ist darauf stolz, eine so bedeutende Mitarbeiterin des Landesamtes in ihren Reihen zu haben. Und sie fühle sich in diesem Kreis auch sehr wohl, sagt sie. Die Diskussionen um die Interpretation neuer Funde seien ungemein anregend, ebenso die Vielfalt der in der AG vertretenen Persönlichkeiten und Kompetenzen und natürlich die Gemeinschaft.

 

 

Nach unserem Gespräch muss ich auf dem Nachhauseweg noch über eine grundsätzliche Sache nachdenken: Tue Gutes und rede darüber! An dieser Weisheit ist ohne Frage etwas dran. Aber der gegenwärtige Zeitgeist, sich andauernd darstellen zu müssen, permanent auf seine Leistungen hinzuweisen, Wind zu machen um jede Kleinigkeit, Selbstverständliches als persönliche Errungenschaft zu feiern und mehr zu scheinen als in Wahrheit zu sein, das hat längst krankhafte Züge angenommen.

Wie schön, dass es in dieser Welt der zwanghafter Selbstdarstellung auch Menschen wie Beate Kaletsch gibt, bei denen das genau umgekehrt ist: Hier liefert jemand beständig höchste Qualität – und verliert darüber kaum ein Wort. Das ist selten geworden in Deutschland.

Norbert Kissel

 

Download PDF