“Mehrzeitenwerkzeuge” – Recycling in der Altsteinzeit

Autor: Norbert Kissel

Wir dürfen dem frühen Menschen unterstellen, dass er mit seinen Ressourcen sehr effizient umging.  Zum Rohmaterial für die Werkzeugherstellung gehörten selbstverständlich auch „gebrauchte“ Steingeräte. Mitunter dürften Zehntausende, wenn nicht sogar Hunderttausende von Jahren zwischen den einzelnen Bearbeitungsphasen gelegen haben.
Im Folgenden sollen zwei Beispiele für dieses „altsteinzeitliche Recycling“ vorgestellt werden.

“Mehrzeitenwerkzeug” Chopper aus Geröllquarzit

Beispiel 1 ist ein Oberflächenfund aus der nördlichen Wetterau. Es handelt sich um ein Pebble-Tool aus anstehendem Geröllquarzit. Das Gerät ist weitgehend unifaciell bearbeitet. An der Basis weist es die für die Gegend typischen Schlagnarbenfelder auf, die entweder auf eine bipolare Kerntechnik oder die Verwendung des Geräts als Schlag- und/oder Ambossstein schließen lassen.

Das Gerät weist sowohl Abschlagsnegative auf, deren Patina der Geröllrinde farblich sehr ähnlich ist, als auch Abschlagsnegative, deren Kapillaren zwar geschlossen sind, deren Patinierung aber wesentlich heller und weniger verschliffen ist.

“Mehrzeitenwerkzeug” Chopper, Detailansichten

Bekanntermaßen ist der Grad der Patinierung kein sicheres Altersindiz. Die chemische Beschaffenheit des Bodens und andere Umstände der Einlagerung verursachen unterschiedlichste Veränderungen in der Gesteinsoberfläche. Oft entstehen Oberflächenveränderungen auch in geologisch sehr kurzen Zeiträumen. Andere Veränderungen dagegen bilden sich erst im Laufe von Jahrmillionen. Nicht selten findet man auch Werkzeuge, deren Vorderseite eine ganz andere Patinierung aufweist als die Rückseite, was unzweifelhaft auf die Einlagerung zurückzuführen ist.

Das hier beschriebene Werkzeug zeigt jedoch „jüngere“ Abschlagsnegative, die sich über „ältere“ erstrecken und zudem sehr viel feiner ausgeführt sind als die Abschläge mit der dunkleren Patina.

Für das Gebiet, in dem das Artefakt gefunden wurde, gilt im Allgemeinen: Geröllgeräte, deren Abschlagspatina sich kaum noch von der übrigen Gesteinsrinde unterscheiden lässt, gehören auch hinsichtlich ihrer Herstellungstechnik zu den frühsten in Hessen.

Die folgende eingefärbte Zeichnung verdeutlicht das Verhältnis beider Typen von Abschlägen (grün=ältere Abschläge; blau = jüngere Abschläge).

 

“Mehrzeitenwerkzeug” Chopper
Zeichnung: Norbert Kissel

Es scheint, als sei das Werkzeug ein zweites Mal bearbeitet worden, wobei ein sehr langer Zeitraum zwischen beiden Bearbeitungen gelegen haben dürfte. Die zweite Bearbeitung zielte auf die Herstellung einer rechtsseitigen geraden, schaberartigen Kante ab.

 

Gerät 2, ein Oberflächenfund aus dem Landkreis Gießen,  ist aus schwarzem Lydit (Kieselschiefer, Radiolarit) gefertigt, ein Material, das auch als hessischer Flint bezeichnet wird. Das Gestein ist von einer bräunlichen Patina überzogen. Einige Abschläge weisen die gleiche Patina auf wie die natürliche Gesteinsrinde, andere zeigen eine tiefschwarze Farbe und dürften sehr viel später entstanden sein.

“Mehrzeitenwerkzeug” Bohrer

Auch hier überlagern jünger Abschläge die älteren. Als ursprüngliches Werkzeug könnten ein größerer Schaber oder ein Faustkeil angenommen werden. Die zweite Bearbeitungsphase formte hieraus ein etwa 8 cm langes, bohrerartiges Werkzeug.

“Mehrzeitenwerkzeug” Bohrer
Auf der Aufnahme gut zu erkennen: Die unterschiedliche Patinierung der Abschlagsnegative

Die blau eingefärbten Abschlagsnegative gehen laut o.g. Interpretation auf die zweite Bearbeitung zurück. die ursprüngliche Bearbeitung ist grün dargestellt.

“Mehrzeitenwerkzeug” Bohrer
Zeichnung: Norbert Kissel

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