Faustkeil mit Köpfchen

Einen merkwürdiger Fund aus der Wetterau

Autor: Norbert Kissel

Zu den etablierten Lehrmeinungen gehört es, dass man einen Zeitpunkt annimmt, ab dem sich der frühe Mensch künstlerisch betätigte, nämlich ab dem Jungpaläolithikum. Davor tat er das angeblich nicht…

Martin Kuckenburg stellt in seinem lesenswerten Buch „Lag Eden im Neandertal?“ eine „Denkaufgabe für Archäologen“: Was bliebe von der prächtigen Kostümierung eines geschmückten nordamerikanischen Prärieindianers nach
10 000 Jahren der Einlagerung im Boden zurück?“ 1

Und dann sind da noch die vielen offenen Fragen, die die Knochenritzungen, Bohrungen, figurenartige Objekte und andere Merkwürdigkeiten aus der Zeit vor dem sogenannten modernen Menschen aufwerfen. Absicht oder Zufall? Kunst oder nicht Kunst? Bedeutend oder unbedeutend?

Im Folgenden soll diesen vielen offenen Fragen einfach noch eine weitere hinzugefügt werden, ohne hieraus auch nur den leisesten Anspruch auf eine bestimmte Bedeutung zu formulieren.
Es handelt sich um einen kleinen Faustkeil aus Quarzit, der in der nördlichen Wetterau gefunden wurde und der der altpaläolithischen Geröllgerätekutur zuzurechnen ist.

 

Faustkeil mit ungewöhnlichem Fortsatz

Das Gerät zeigt die Merkmale der harten Schlagtechnik. Es ist bifaciell (von beiden Seiten) bearbeitet, als hypothetisches Rohmaterial kommt eine kleine Quarzitplatte bzw. ein Trümmerstück  infrage.

Das Merkwürdige an diesem Werkzeug ist ein Fortsatz im Bereich der Basis. Es sieht zunächst so aus, als handele es sich einfach nur um ein unfertiges Gerät (etwas, was übrigens gar nicht so selten vorkommt). Ein einziger Schlag aber hätte genügt, um das besagte Detail abzutrennen und so dem Faustkeil eine ergonomische Handhabe im Sinne eines Griffstücks (Talon) zu geben.

Bei näherer Betrachtung können kleinere Abschläge in unmittelbarer Nähe zu dieser knopfartigen Erhebung als intentional gedeutet werden: Es bestand anscheinend nicht die Absicht, den Fortsatz zu entfernen, vielmehr war man um seine Hervorhebung bemüht.

These 1 : Der Fortsatz wurde ganz bewusst nicht entfernt.

Der kleine Faustkeil mit seinem Fortsatz erinnert an die figürliche Darstellung eines Körpers mit Kopf. Wohlgemerkt, er erinnert daran! Damit wird nicht behauptet, dass das Artefakt so zu interpretieren ist. Und schon gar nicht soll behauptet werden, dieses Objekts sei ein altpaläolithisches Idol.

Angesichts der Tatsache, dass es eine zweifelsfreie Zuordnung solcher Funde nie geben wird, sollte der Interpretationsansatz verändert werden, weg von der Frage nach absichtlich oder zufällig. Es geht gar nicht darum zu entscheiden, ob solche Objekte nun zufällig so geraten sind oder ob der frühe Mensch ihrer Gestalt mit Bearbeitungen nachgeholfen hat.  Viel wichtiger ist die Frage, ob wir es dem frühen Menschen zutrauen dürfen, figürliche Darstellungen zu erkennen und ihnen eine semantische (sinntragende) Funktion beizumessen. Dies wäre also die Frage nach dem Grad der Abstraktionsfähigkeit des frühen Menschen.

Ein Kreis mit zwei horizontal angeordneten Punkten und einer gebogenen Linie darunter – schon ist ein Smiley gestaltet, in dem wir sogar einen bestimmten Gesichtsausdruck zu erkennen vermögen. Bienen und Wespen stechen, wenn sie sich vom Menschen angegriffen fühlen, gezielt ins Gesicht d.h. sie verfügen über ein genetisches Programm zur Erkennung der empfindlichen Kopfpartie von möglichen Fressfeinden. Vögel fliehen vor einer Vogelscheuche, weil sie (zumindest über eine gewisse Zeit) darin eine menschliche Gestalt erkennen. Dass Tiere u.a. Gesichter erkennen können, ist in zahllosen Studien belegt. Wenn also bereits Insekten über diese Fähigkeit verfügen, darf sie dem frühen Menschen allemal unterstellt werden.
Der „Gesichtsstein“ von Makapansgat, ein als „Smiley“ geformter Geröllstein, wird als natürlich entstandenes Objekt (Geofakt) interpretiert, das aber offensichtlich von Australopithecinen in eine Höhle verbracht worden ist, vielleicht, weil der Stein als Gesicht erkannt und für interessant befunden wurde5. Auch ein Hominide dürfte ohne Frage fähig gewesen sein, ein Gesicht mit Augen und Mund zu erkennen.

Die Faustkeile des Acheuléen zeigen ein Höchstmaß an geometrischer Planungs- und Gestaltungsfähigkeit. Über eine summarische Zurichtung hinaus lassen sie ein ausgeprägtes Empfinden für Symmetrie und Ästhetik erkennen.

Menschen, die Faustkeile herzustellen vermochten, verfügten über eine hohe Abstraktionsfähigkeit. Sie konnten demnach selbstverständlich auch figürliche Darstellungen als solche erkennen und interpretieren. Ob sie solche Objekte herstellen konnten oder wollten, wird immer offen bleiben müssen.
Hieraus sei eine weitere These für die Ansprache des „Faustkeils mit Köpfchen“ formuliert:

These 2:

Es ist nicht abwegig, dass beim Herstellen des kleinen Faustkeils zufällig eine Form entstand, die den frühen Menschen an eine figürliche Darstellung erinnerte. Anstatt das Werkzeug gemäß seiner Tradition weiter zu gestalten, beendete er den gewohnten Vorgang und arbeitete stattdessen die Merkmale des Figürlichen noch etwas heraus.

Fazit:

Wir dürfen auch dem frühen Menschen ein spielerisches Vergnügen an der Miniatur unterstellen. Vielleicht war es dieses Vergnügen, das zur Gestaltung des Objektes führte bzw. dass ihn dazu veranlasste, den letzten Schlag auf den Fortsatz nicht auszuführen. So erscheint das oben beschriebene Objekt geeignet, die Frage nach dem Menschlichen von Homo erectus oder Neandertaler zu stellen und darüber zu assoziieren. Der Verfasser dieses Artikels ist davon überzeugt: Sie waren ebenso menschlich wie wir auch d.h. sie waren  uns in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich.
Das angenommene Menschliche bei der Gestaltung des kleinen Faustkeils bereits Kunst zu nennen, wäre zu weit hergeholt . Wenn der Ursprung von Kunst aber in der Fähigkeit liegt, bewusst hinzusehen und Dinge “sinnhaft” zu interpretieren, ist  zumindest ein Anfang gemacht!

 

Quellen

1. Martin Kuckenburg. Lag Eden im Neandertal?, 1997, S. 283

2. Francesco d’Errico, April Nowell, A new look at the Berekhat Ram figurine: implications for the origins of symbolism. Cambridge Archaeological Journal 10, 2000, 123-167

sowie

Francesco d’Errico et al. (2003): Archaeological Evidence for the Emergence of Language, Symbolism, and Music—An Alternative Multidisciplinary Perspective. Journal of World Prehistory, 17(1): 70ff. Online als http://www.cognisud.org/documents/030919/derrico2.pdf

3. Robert G. Bednarik: A figurine from the African Acheulian. Current Anthropology 44(3), 2003, S. 405-413

sowie

Martin Kuckenburg: Als der Mensch zum Schöpfer wurde, 2001, S. 136 ff

4. Martin Kuckenburg. Lag Eden im Neandertal?, 1997, S. 298

5. Martin Kuckenburg: Als der Mensch zum Schöpfer wurde, 2001, S.27 ff

 

 

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