„Micoquien“ und MTA

Diskussionsvorgabe für die Tagung der Arbeitsgemeinschaft Alt u. Mittelsteinzeit in Hessen im April 2013 in Pohlheim

Autor: Lutz Fiedler

 

Faustkeil des MTA,
Lenderscheid, Nordhessen

 

 

 

 

„Never argue with stupid people. They will drag you down to their level and then beat you with experience.”

 Mark Twain

 

Dies ist eine gut begründbare These: Das europäische Mittelpaläolithikum mit Faustkeilanteil geht kulturell auf das Jungacheuléen zurück und hat hier überall sehr ähnliche Traditionen. Dabei spielt der Anteil faustkeilartiger/bifacieller Geräte wegen des fast stets geringen Mengenanteils keine wirklich ausschlaggebende und keine traditionsprägende Rolle. So wie das Mittelpaläolithikum auf das Acheuléen zurückgeht, ist auch davon auszugehen, dass sich die europäischen Neandertaler von dem späten europäischen Homo erectus = „Homo heidelbergensis“ herleiten.

Bei geringer Bevölkerungsdichte ist von einem sukzessiven (genetischen) Kontakt aller damaligen Europäer und damit auch von einem damit verbundenem Kulturaustausch auszugehen. Die Faustkeilarmut osteuropäischer Inventare lässt sich gut mit dem vorletzt-interglazialen Fundmaterial aus Ehringsdorf erklären: Kleine Faustkeile und gedrungene Blattspitzen zeigen hier eine starke formale Nähe (und damit funktionale Austauschbarkeit) bifacieller Werkzeugarten an. Also könnte man in den Faustkeilen des westeuropäischen MTA und den Blattspitzen Osteuropas durchaus sehr ähnliche Funktionsträger vermuten. Das Gebiet zwischen Oder und Rhein (insbesondere zwischen Elbe und Rhein) zeigt sich als geographischer Übergangsbereich, in dem beide Bifacearten zusammen vorkommen.

Unterscheidungsmöglichkeiten mittelpaläolithischer Inventare

Die archäologischen Unterschiede in den mittelpaläolithischen Inventaren werden meistens zu sehr von einer imperativen wissenschaftlichen Typologie aus bewertet (Fiedler 2002). Vergleiche der zur Zeit modischen Operationsketten bei der Herstellung von Steingeräten werden nur dann nachhaltige Bedeutung erlangen, wenn sie mit den jeweils örtlich verfügbaren Ausgangsmaterialien in Zusammenhang gebracht werden, die einen maßgebenden Einfluss auf die jeweils angewendeten Methoden hatten, die wiederum innerhalb technologischer „Repertoires“ zur Verfügung standen  Fiedler 2002, 2003/4 im Druck).

 

Ausgangsmaterial als wesentlicher Ansatz für die gewählten Bearbeitungstechniken und damit auch für formale Aspekte der Geräte

Dabei ist es bekannt, dass insbesondere die von Gerhard Bosinski als „Micoquien“ klassifizierten Fundkomplexe der süddeutschen Mittelgebirgsregion überwiegend aus Gebieten stammen, in denen Plattenhornstein oder flache Silexknollen beschränkter Größe das gewöhnliche Material der Werkzeugherstellung waren, die andere Gestaltungsweisen – oft bifacielle Bearbeitung – verlangten, als großknolliger Feuerstein oder blockhafter Quarzit. Die Levallois-Technik s.l. ist im Plattenhornstein nicht besonders gut realisierbar. Längere Klingen sind meistens nur von den Schmalseiten entsprechender Hornsteinplatten abbaubar – und haben daher gewöhnlich massivere Querschnitte als Levallois-Klingen der Feuersteingebiete; sie wurden im süddeutschen Mittelpaläolithikum nur selten realisiert. Auch die Keilmesser von Buhlen (Nordhessen, Vorletzte Kaltzeit) sind aus plattigem Kieselschiefer hergestellt worden. Die Klingentechnik von Buhlen – auch der jüngeren Fundschicht 4 – ist deshalb ebenfalls bescheiden (Fiedler 2009).

 

„Micoquien-Typen“ im westeuropäischem MTA

Plattiges Material fordert zu beidflächiger Bearbeitung geradezu heraus. Daher sind in Süddeutschland Keilmesser und flächig retuschierte Schaber anteilsmäßig sehr viel häufiger vertreten als anderswo (Bosinski 1967). Aber auch in den Feuersteingebieten Frankreichs kommen Keilmesser im MTA vor – meistens nicht aus Abschlägen, sondern aus flachen natürlichen Frostscherben o.Ä.

Lesen Sie auch:

Die Unschärfe des kategorischen Denkens 

 

Ebenfalls sind alle anderen „Typen“ der Keilmessergruppe (des „Micoquien“) im westlichen MTA nicht unbekannt: Blattformen, Faustkeile mit flach D-förmigen Querschnitten in Herz- oder Dreiecksform, lanzettförmige Faustkeile (Micoque-Keile), Grochaki (kleine rundliche Kratzer) oder Kostenki-Verdünnungen an Werkzeugenden (Gouédo 2001, Fiedler 2009).

 

Die wissenschaftliche Abgrenzung beider „Formengruppen“ geht wesentlich auf forschungsgeschichtlich unterschiedliche Traditionen, Methoden und Typansprachen zurück (Soressi 2002).

 

Messer mit Rücken für Zerlegungszwecke

Wichtiger als formaltypologische Unterschiede in diesen Gebieten scheint zu sein, dass Messer mit massiven Rücken (Keilmesser, Audi-Messer, Châtelperron-Messer u.Ä.) wesentlich öfter und stärker benötigt wurden als zuvor im Jungacheuléen und ebenso, dass progressive Gerätearten oder Bearbeitungsweisen vergleichbarer Art in all diesen Teilen Europas (geologisch) gleichzeitig aufkommen. Dabei hat auch der von mir in der F.-R. Herrmann-Festschrift aufgezeigte Zusammenhang mit nordafrikanischen und levantinischen Gerätespektren jener Zeit eine leicht zu übersehende, aber wichtige Bedeutung (Fiedler 2001). Die Neandertaler lebten nicht in der geographischen Isolation!

 

Der letztglaziale Fundkomplex Buhlen-4 zeigt wie bisher kein anderer die Zunahme rückenretuschierter Abschläge und Klingen im Jungpleistozän Mitteleuropas und damit die Nähe zum MTA, besonders in der Facies MTA-B. Zugleich lässt sich damit die abgrenzende kulturelle Klassifizierung mittel- u. westeuropäischer Fundkomplexe des Mittelpaläolithikums betont in Frage stellen (Fiedler 2009).

 

Der größere zeitliche Rahmen für die Entwicklung des jüngeren Mittelpaläolithikums

Bei der Diskussion des Mittelpaläolithikums mit Acheuléen-Traditionen dürfte die bisherige Festlegung auf den Zeitraum der frühen letzten Kaltzeit als völlig überholt gelten, denn Keilmesser und andere kennzeichnende Geräte und Techniken des MTA gibt es zunehmend in den letzten Kaltzeiten des Mittelpleistozäns (La Cotte St. Brelade , Buhlen, Grotte de la Musée,…….usw. – siehe Ickinger 2002). Und gegen Ende dieser Kulturerscheinung ist eine nahe formenkundliche Verwandtschaft mit dem Châtelperronien im Westen (z.B. Saint Cesaire, Combe Capelle), der Blattspitzengruppe Zentraleuropas und des Atérien Nordafrikas klar feststellbar (Fiedler 1999, 2001;2010, 2013; Fiedler, Lutz & Quehl 3003).

 

Bewertung von Inventaren nur unter Beachtung aller Artefakte

Die deutliche Zunahme der Klingentechnik und das Aufkommen von intentionalen Lamellen (meistens wenig modifizierte Grundformen) sind ein bisher unbeachtetes, aber bedeutsames Phänomen jener Zeit ( besonders in der frühen letzte Kaltzeit). Lamellenkerne sind zwar gelegentlich publiziert worden, aber selten die Lamellen selbst (Conard 1992, 2012; Schmitz & Thissen 1998), das wohl deshalb, weil nur deutlich retuschierte Formen in der konventionellen Altsteinarchäologie als Werkzeuge gelten. Diese Sichtweise muss aufgegeben werden, weil sie das Verständnis von (spät-)mittelpaläolithischen Verhaltensweisen schlichtweg blockiert.

 

LITERATUR in Auswahl:

 

Conard, N. 1992: Tönchesberg and its Position in the Paleolithic Prehistory of Northern Europe. Monograph 20, Römisch-Germanisches Zentralmuseum Series, Bonn.

 

Conard, N. 1997: Lithic reduction and hominid behaviour in the Middle Paleolithic of the Rhineland. Journal of Anthropological Research 53,147-175.

 

Conard, N., S. Kölbl & W. Schürle (Hrsg.) 2005, Vom Neandertaler zum modernen Menschen. Ostfildern.

 

Conard, N. 2012: Klingentechnologie vor dem Jungpaläolithikum. In: H. Floss (Hrsg.) Steinartefakte – Vom Altpaläolithikum bis in die Neuzeit, Tübinger Publications in Prehistory. Tübingen, 245-266.

 

Fiedler, L. 1999: Der Wandel kultureller und biologischer Ausstattung des Menschen im Paläolithikum. In: E. Cziesla, T. Kersting & S. Pratsch (Hrsg.), Den Bogen spannen … Festschrift für Bernhard Gramsch zum 65. Geburtstag. Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas 20 (Weissbach), 37-54.

 

Fiedler, L. 1999: Repertoires und Gene – der Wandel kultureller und biologischer Ausstattung des Menschen. Germania 77, 1-37.

 

Fiedler, L. 2001: Buhlen, Rörshain, La Micoque und Gafsa – die Verbreitung des Micoquien. In: S. Hansen & V. Pingel (Hrsg.), Archäologie in Hessen. Neue Funde und Befunde. Festschrift für Fritz-Rudolf Herrmann. Internationale Archäologie, Studia honoraria 13, 1-31.

 

Fiedler, L. 2002: Form, Funktion und Tradition; die symbolische Präsenz steinzeitlicher Geräte. Germania 80, 405-420.

 

Fiedler, L., G. Lutz, R. Lutz & H. Quehl 2003: Siedlungshistorische und paläoethnologische Untersuchungen im Wadi Tidoua, Messak-Mellet, Zentralsahara. Behausungsstruktur, Artefaktverteilung und Geräteformen eines atérienzeitlichen Fundplatzes. Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseum Mainz 50, 1-46.

 

Fiedler, L. 2009: Die Steinartefakte: Formen, Techniken, Aktivitäten und kulturelle Zusammenhänge. Die mittelpaläolithischen Funde und Befunde des Unteren Besiedlungsplatzes von Buhlen, Band II. Fundberichte aus Hessen – Beihefte 5,2 Selbstverlag des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen, Wiesbaden (2009). ISBN 978-3-7749-3601-0,  zugleich ISBN 978-3-932468-17-9 in Waldeckische Forschungen 17, Bad Arolsen 2009.

 

Fiedler, L. 2010: Spätmittelpaläolithische und frühjungpaläolithische Fundkomplexe mit Blattspitzen in Hessen. Fundberichte aus Hessen 46/47 (2006/2007), Wiesbaden, 1-58.

 

Fiedler, L. 2013: Neandertaler in Hessen. Die mittel- und jungpleistozäne Geschichte des Menschen zwischen Rhein und Werra. In: 20 Jahre KAL, Berichte der Kommission für Archäologische Landesforschung in Hessen 12, 9-30.

 

Fiedler, L. 2013/2014 (im Druck): Paläolithische Abschläge mit Schlagflächenpräparation. Die Levallois-Technik unter dem Aspekt ihrer historischen Entwicklung. Fundberichte aus Hessen 51.

 

Gouédo, J.-M. 2001: Les bifaces micoquiens de Vinneuf et de Verrières-le-Buisson (Bassin Parisien): Comparaison avec des bifaces provenant de gisements acheuléens du nord-ouest de l’Europe. In: D. Cliquet (ed.): Les industries à outils bifaciaux du Paléolithique moyen d’Europe occidentale. ERAUL 98, Liège 2001, 197-192.

 

E.-M. Ickinger 2002: Zur formenkundlich-chronologischen Stellung der Rheindahlener Funde: Micoquien, Rheindahlien, MTA? In: W. Schirmer (Hrsg.) Lösse und Böden in Rheindahlen. GeoArchaeoRhein. Münster-Hamburg-London.

 

Schmitz, R. & J. Thissen 1998: Vorbericht über die Grabungen 1995-1997 in der mittelpaläolithischen B1-Fundschicht der Ziegeleigrube Dreesen in Rheindahlen. Archäologisches Korrespondenzblatt 28, 483-498.

 

Soressi, M. 2002: Le Moustérien de tradition acheuléenne du sud-oust de la France. Thèse à l’Université Bordeaux 1. Internet-Version vom 4. März 2011.

 

Download PDF