Frühjahrstagung der AG am 13.04. 2013 in Pohlheim

Prof. Dr. Lutz Fiedler

Autor: Norbert Kissel

Dass die Jäger- und Sammlerkulturen der Vorzeit über ein enormes technisches Repertoire an effizienten Werkzeugen verfügten, wurde auch bei der diesjährigen Frühjahrstagung der „Arbeitsgemeinschaft Altsteinzeit und Mittelsteinzeit Hessen“ wieder deutlich.

Die mittlerweile über 30 Mitglieder zählende Arbeitsgemeinschaft, der neben namhaften Fachwissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen auch viele ehrenamtlich tätige Mitarbeiter der Archäologischen Denkmalpflege und Altsteinzeitforschung in Hessen angehören, trafen sich in den Räumen der Adolf-Reichwein-Schule in Pohlheim, um sich über neuste steinzeitliche Funde und Forschungsergebnisse auszutauschen.
Neben Forschung und Lehre standen aber auch Themen auf der Tagesordnung, die die Organisation der AG, ihre Zielsetzung, die künftige Zusammenarbeit mit der Hessischen Denkmalbehörde sowie die Einrichtung einer eigenen Homepage als Plattform für Veröffentlichung und wissenschaftlichen Austausch betrafen.

Besonders freute man sich in der AG über neue Mitglieder der jüngeren Generation, darunter junge Archäologen, Studenten und Schüler.

Die AG im Frühjahr 2013

Norbert Kissel, einer der Initiatoren der Arbeitsgemeinschaft und Koordinator für Mittelhessen, begrüßte die Teilnehmer in der Aula der ARS und leitete die Diskussion über die Zielsetzung der Arbeitsgemeinschaft und ihre Zusammenarbeit mit der Denkmalbehörde. Hiernach sieht sich die Arbeitsgemeinschaft nach wie vor verpflichtet, durch ihre Tätigkeit einerseits die in Hessen seit über 10 Jahren bestehende Vakanz in der Besetzung eines Facharchäologen für die Alt- und Mittelsteinzeit am Landesamt für Denkmalpflege zu kompensieren. Andererseits sehen die Mitglieder in der Arbeit der AG auch eine Ausübung des im Grundgesetz verankerten Bürgerrechts auf Freiheit in Forschung und Lehre. Insbesondere die Mitglieder, die aus nichtarchäologischen Fachgebieten und Berufen kommen, investieren einen erheblichen Teil ihrer Freizeit in das Studium entsprechender Fachliteratur und führen eigene archäologische Nachforschungen in Form von Feldbegehungen durch. Dass es hierbei legal zugehen muss, ist in der AG unstrittig. „Wir sind keine Schatzsucher noch Raubgräber. Wer von uns nach den unscheinbaren Spuren unserer frühsten Vorfahren sucht, weiß, dass er hierfür eine gültige Nachforschungsgenehmigung der Landesbehörde braucht. Eine solche Genehmigung regelt auch die jährliche Berichtspflicht gegenüber der Landesbehörde sowie die Eigentumsrechte an geborgenen Funden“, so Norbert Kissel. Die Unterstützung der Landesbehörde sei ebenso selbstverständlich wie die Eigenständigkeit und Unabhängigkeit der Arbeitsgruppe.

Chopping-Tool aus dem hessischen Altpaläolithikum

Die Mitglieder der AG sehen in Ihrer Arbeit einen wertvollen Beitrag zur Erforschung der Alt- und Mittelsteinzeit, die in Hessen die Zeitspanne von etwa einer Million Jahren bis etwa 8 000 Jahre vor heute umfasst. Die ältesten Funde, von denen auch bei der Tagung wieder einige vorgestellt wurden, datieren bis weit in die Zeit des Homo erectus, einer Menschenform, die einst als Erstbesiedler des europäischen Kontinents später vom Neandertaler abgelöst wurde bzw. in diese Entwicklungsstufe überging.

Professor Dr. Lutz Fiedler, ehemals Leiter der Landesamtes für Denkmalpflege, Außenstelle Marburg und der „Rector Spiritus“ der Arbeitsgemeinschaft hatte einen Fachvortrag zu einem Spezialthema der Hessischen Altsteinzeitforschung vorbereitet. Unter der Überschrift „MTA (Moustérien de tradition acheuléen) und Micoquien in Hessen“ fasste er Ergebnisse zu einem Abschnitt der Altsteinzeitforschung zusammen, der im mittleren Eiszeitalter vor etwa 300 000 Jahren vor heute begann und vor 40 000 Jahren in den jüngeren Teil der Altsteinzeit mündete. Die altsteinzeitlichen Kulturstufen werden durch ein bestimmtes Repertoire an erhaltenen Steinwerkzeugen wissenschaftlich eingegrenzt. Gegen Ende des Moustérien tauchen auffällig viele Faustkeiformen auf, die eigentlich die Leitfunde aus der viel früheren Acheuléen-Kultur darstellen, also in einer älteren Tradition stehen. Hieran wird deutlich, dass die Entwicklungen der frühen Menschen in ihrer Anpassung an die jeweiligen Gegebenheiten nicht mit heutigen Vorstellungen von Gradlinigkeit und sogenanntem Fortschritt übereinstimmen, sondern eigene Wege gehen. Das Micoquin, benannt nach einem französischen Fundplatz, bezeichnet die sogenannten Keilmessergruppen, die wie das späte Moustérien ebenfalls in die Zeit der Neandertaler datieren. Lang gestreckte Faustkeile und besondere Schneidegeräte, die von ihrer Gestaltung her an steinerne Teppichmesser erinnern, sind typisch für diese Formengruppe.

Bei allen Möglichkeiten, Bemühungen und mitunter sogar Notwendigkeiten, die Funde der Altsteinzeit bestimmten Kulturen oder Menschenformen zuzuordnen, machte Professor Fiedler deutlich, dass die Klassifizierung von archäologischen Hinterlassenschaften eines der Hauptprobleme der früheren wie auch gegenwärtigen Forschungspraxis darstellten. Insbesondere das reichhaltige hessische Inventar belege eine ungeheure Vielfalt an Werkzeugformen. Was aus heutiger Sicht zur Bearbeitung von Fellen, zum Schnitzen von Elfenbein, Knochen oder Holz oder zum Schneiden von Fleisch hätte gebraucht werden können, sei auch als Spitze auf einer Jagdwaffe denkbar. Fiedler wies auch auf eine häufig zu beobachtenden Praxis hin, nach der vermeintliche wissenschaftliche Wahrheiten schnell als Dogmen etabliert und über Jahre hinaus ungeprüft in der Forschungsarbeit weitergegeben würden. „Viele Bezeichnungen von Werkzeugformen gründen sich nicht selten auf reine Vermutungen über deren Verwendung“, so Fiedler.

Im zweiten Teil der Tagung wurden neue Funde von Fiedler wissenschaftlich bewertet und von der Gruppe gemeinsam diskutiert. Wieder konnten Stücke aus allen Epochen der Altsteinzeit vorgelegt werden, ein weiterer Beweis für die hohe Bedeutung Hessens für die Archäologie der ältesten europäischen Kulturen. Besondere Aufmerksamkeit wandte Fiedler einem Fund aus dem Mai-Kinzig-Kreis zu, einem sogenannten Stichel. Nicht nur das Steinwerkzeug selbst, auch die davon abgetrennten nur wenige Millimeter dünnen, lamellenförmigen Abschläge seien für die Herstellung von Geräten verwendet worden, darunter auch Geschossspitzen mit kleinen steinernen Einsätzen, die gewindeartig gestaltet  für ballistische Stabilität wie auch für das tiefere Eindringen in das Fleisch des Jagdwildes sorgten. „Die Schraube ist ganz klar eine Erfindung der Altsteinzeit“, so Fiedler, der die Herstellung des Steingeräts an der Tafel zeichnerisch veranschaulichte.

Prof. Fiedler erläutert Herstellung und Funktion eines Stichels

Auf besondere Zustimmung stieß bei der Tagung auch die geplante Einrichtung einer eigenen Homepage. Inhaltlich gestaltet von einer Redaktion, die von Jürgen Hubbert, Prof. Dr. Lutz Fiedler, Norbert Kissel, Dr. Günter Landeck und Hans-Jörg Vierke gebildet wird, soll die Seite u.a. den wissenschaftlichen Austausch fördern und Veröffentlichungen insbesondere von Mitgliedern der AG ermöglichen. Voraussichtlich in der zweiten Maihälfte soll die Homepage der AG unter der Adresse www.altsteinzeit-hessen.de an den Start gehen.

Norbert Kissel, Mai 2013

 

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