Dreibändiges Werk über Cleaver schon 2003 erschienen.

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Cleaver, Fundort: Südlibyen
Foto: Lutz Fiedler

Peter Schwab, ein befreundeter Privatforscher aus der Schweiz, machte mich dankenswerterweise auf eine französische Doktorarbeit über ‚hachereaux’ (Cleaver) aufmerksam, die sehr bemerkenswert ist. In drei Bänden mit zusammen rund 1000 Seiten hat der damalige Doktorand der Universität Paris, Vincent Mourre, fast alle wichtigen Fundstellen von Südafrika bis England und Frankreich aufgearbeitet:

Vincent Mourre: 2003 : Implications culturelles de la technologie des hachereaux. Thèse pour obtenir de grad de Docteur de l’Université de ParisX-Nanterre. Internetpublikation http://hacherau.pagasperso-orange.fr/texte.htm .

 

 

Wie heute üblich, sind die formalen und technologischen Merkmale dieser Geräte in reduzierende mathematische Daten gebracht und in zahllosen Tabellen und Statistiken eingeflossen. Das ist nach meinem Geschmack der am wenigsten ergiebige und unwichtigste Teil der fleißigen Arbeit. Die vielen gut gezeichneten Abbildungen verschaffen dem Leser aber ein recht umfassendes Bild dieser Geräte. Daher – sowie wegen der umfangeichen Vorlage der Forschungsgeschichte – ist es lohnenswert, sich mit dieser Publikation zu beschäftigen. Mourre hat dem Werk außerdem zahlreiche informative Karten beigefügt, die die geographische Lage der Fundstellen betreffen. Das ist nicht nur für Afrika interessant.

Leider, und wie in manchen doch recht unbeweglichen archäologischen „Schulen“ üblich, werden altpleistozän datierte Cleaver fast nur aus Afrika akzeptiert. Da spukt immer noch die Vorstellung herum, Europa sei erst während des Mittelpleistozäns besiedelt worden. Die Faustkeile und Cleaver aus ’Ubeidya in Israel sind zwar rund 1,5 Mio Jahre alt, aber Europa haben die Träger der Faustkeilkultur nach dieser konservativen Vorstellung nicht erreicht.
Die europäischen Cleaver-Fundstellen in Spanien und Frankreich werden von Mourre fast alle ins jüngere Mittelpleistozän datiert, maximal auf ein Alter von 400 000, gewöhnlich aber auf rund 300 000 Jahre.

Zugutehalten muss man der Dissertation diesbezüglich allerdings, dass sie sicher vor der Jahrtausendwende begonnen und 2003 abgeschlossen war. Seinerzeit wurde ich von manchen Kollegen aus Deutschland und Holland auffallend stark kritisiert, als ich damals publizierte, dass Nachweise der Faustkeilkultur in Deutschland bekannt seien, die doppelt so alt anzusetzen sind, wie bisher üblich. Dabei ging es um Terrassenfunde aus dem Rheinland. Heute sind in England, Spanien, Italien und Frankreich Funde aus dem Zeitraum um 1 Mio. und mehr allgemein akzeptiert und die „Kurze Chronologie“ ist, wie zuvor vermutet, eine bremsende aber letztlich unwichtige Episode der Forschungsgeschichte geworden.

Bei meiner kurzen Betrachtung der Cleaver in dem von H. Floss herausgegebenen umfangreichen Werk über Steinartefakte (2012) fehlt in der Literaturliste die Arbeit von Mourre, weil sie mir damals nicht bekannt war. Aber ich sehe nun, dass das, was ich darin zusammegefasst und bebildert habe, formenkundlich und technologisch zu den Angaben Mourres nicht im Widerspruch steht. Das große Thema ist dabei allerdings auf nur 7 Seiten komprimiert.

Lutz Fiedler

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