… und die Elfenbeinplastiken im Jungpaläolithikum?

 

 

Nach dem Einstellen des Artikels von Lutz Fiedler über Information, Diffusion und Selbstdomestikation stellte sich bei einigen Lesern die Frage, wie denn das plötzliche Auftreten der wunderbaren Elfenbeinplastiken im frühen Jungpaläolithikum des südwestdeutschen Raumes zu erklären sei.

 

Lutz Fiedler antwortet:

Selbstverständlich sind die Kleinplastiken aus dem Aurignacien Baden-Württembergs der Ausdruck eines „Sprungs“ im süddeutschen und circumalpinen Raum (Conard 2010). Die vielen (meisten noch unretuschierten) Lamellen des Châtelperronien und – schon viel früher – des Rheindahlien (à la Tönchesberg usw., Conard 1992 u. 2012- und selbst die wenigen aus Buhlen-4) – belegen eine Entwicklung der Jagdwaffen zu einem effektiveren Niveau.

Effizientere Jagd muss als Ergebnis zu mitgliederreicheren sozialen Einheiten geführt haben, weil die ausreichende Versorgung (Subsistenz) darauf hinausläuft. Die anwachsenden Gruppengrößen führten dann in einer Art Zirkelfunktion wiederum zu höherem Nahrungsbedarf. Wir kennen das bei Karnivoren in der Natur, allerdings mit dem Unterschied, dass nach dem zwangsläufigen Eintreten einer Nahrungsmittelverknappung, die Populationen der Beutegreifer wieder kleiner werden. Aber der Mensch ist strategisch anders gemacht. Er weitet seine Jagdgebiete aus und die Gruppen müssen mobiler werden. Dieser Umstand aus gewisser Verknappung und zugleich größeren Anstrengungen verändert auch den weltanschaulichen/mythischen Überbau (Greve & Fiedler 1998).

Denn die Neandertaler lebten ja jahrtausendelang in einer Art gleichmütiger (fatalistischer) Pattsituation mit der Natur, im Ausgleich oder in Harmonie, wie Romantiker sagen würden. Nun aber veränderte der Mensch sein Leben und Verhalten (Fiedler 1999). Das „Paradies“ wurde der Taktik und dem Erfolg (Wachstum!) geopfert – könnte man metaphorisch sagen. Das alte Verständnis, ein Teil der Natur und darin schicksalhaft geborgen zu sein, kann mit der verbesserten Strategie des Lebens nicht mehr ganz in Einklang gebracht werden. Der Mythos von Schicksalhaftigkeit wurde zu einem strategischen Mythos erweitert, in dem der Zugriff auf die Jagdbeute gleichsam durch die eigene „Schöpfung“ naturgleicher Bildnisse gespiegelt wird. Die Perfektion und Beherrschung des Darstellens ist unmittelbarer Ausdruck eines Willens zur Macht und Herrschaft über das Jagdwild.

Und dem Verlust der bedingungslosen Naturzugehörigkeit wird dadurch begegnet, dass man Mittlerwesen erdenkt, die zwischen dem Menschen und den Tieren stehen: Löwenmenschen, gehörnte Wesen mit Tierbeinen (sogen. Zauberer) und dazu Schamanen, die in Trance diese Vermittlung auch szenisch zelebrieren. Dabei ist die Verlegung der gemalten Tiere in die Tiefe der Höhlen geradezu eine Offenbarung der zauberischen Absicht, nämlich der Versuch, nach Möglichkeit der Mutter Erde die begehrten und getöteten Tiere in ihren Schoß einzubetten, in den verborgenen fruchtbaren Uterus der Natur. Und das in einer manipulativen Mystik der Zauberei, der die die hoffnungsvolle Erwartung beinhaltet, so mögen sich diese Tiere dann massenhaft und in der Realität verfügbar für die Jäger darbieten.

Der technologische, soziale und „religiöse“ Wandel führte im Zusammenspiel dieser drei Faktoren zur Selbstdomestikation, in dem der biologische Menschentyp des robusten Homo sapiens sich zum grazileren Homo sapiens veränderte (Bednarik 2008).

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Vieles an strategischen Verhalten mit dem Wachstumsziel hat die Menschheit seit dem Jungpaläolithikum nie mehr verlassen und feiert in der heutigen Moderne ihre fröhlichen Urständ. Und darin ist der ewige Wirtschaftswachstum unser Mythos, der keinen realen Bezug zu den natürlichen Ressourcen mehr hat, aber Glaubensangelegenheit der industrialisierten Moderne geworden ist. Und wie das Jungpaläolithikum nach 30 000 Jahren zum Neolithikum überwechselte, so wird auch die Moderne (in viel kürzerer Zeit) zu einem neuen Neo-Daseinsmillieu finden müssen. Hoffentlich!

Übrigens: Die Moderne hat dafür auch den „künstlerischen“ Ausdruck gefunden, nämlich in den gigantischen Kultbauten der Konzerne, Banken, Versicherungen und Supermärkte. Natürlich auch in den fetischhaft gestylten Konsumgütern, wie Autos, Klamotten, teurem Design usw. Man muss das nur aus der Distanz der Kulturanthropologie sehen.

 

Literatur

BEDNARIK, R. 2008: The Domestication of Humans. Anthropologie XLUVI/1, 1-17.
CONARD, N. 1992: Tönchesberg and its Position in the Paleolithic Prehistory of Northern Europe. Monograph 20, Römisch-Germanisches Zentralmuseum Series, Bonn.
CONARD, N. 2010: Cultural modernity consensus or conundrum? PNAS, 7671-7672.
CONARD, N. 2012: Klingentechnologie vor dem Jungpaläolithikum. In: H. Floss (Hrsg.) Steinartefakte – Vom Altpaläolithikum bis in die Neuzeit, Tübimger Publications in PrehistoryTübingen, 245-266.
Fiedler, L. 1999: Repertoires und Gene – der Wandel kultureller und biologischer Ausstattung des Menschen. Germania 77, 1-37.
GREVE, J. & L. FIEDLER 1998: Die jungpaläolithische Kunst im Ökokontext. Ethnographisch-Archäologische Zeitschrift 39, 101-116.

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