Es geht um ein Gesamtbild!

Ein Gespräch mit AG-Mitglied Dr. Holger Rittweger

Dr. Holger Rittweger beim Feuermachen im Kreis von Schülern

Red.: Herr Dr. Rittweger, die AG Altsteinzeit und Mittelsteinzeit Hessen setzt sich aus Fachwissenschaftlern und ehrenamtlichen Mitarbeitern der Archäologischen Denkmalpflege zusammen. Als Geologe, Biologe und Archäologe gehören Sie der ersten Gruppe an. Und da Sie seit vielen Jahren unserer Gruppe mit Interesse, Rat und Tat zur Verfügung stehen, lautet meine erste Frage: Welche Bedeutung hat es für Sie, in unserem Kreis tätig zu sein?

 

Rittweger: Also erst mal muss ich sagen, dass ich mich weder Geologe, Biologe noch Archäologe nennen darf, sondern „nur“ Diplom-Geograph. Bei meiner beruflichen Tätigkeit spielen die genannten Fächer dennoch die Hauptrolle – das geht auch gar nicht anders, wenn man sich mit der Natur- und Landschaftsgeschichte des Eiszeitalters befasst. Nun gibt es böse Zungen, die behaupten: „Geographen haben von allem ein bisschen Ahnung, aber von nichts richtig“. Man kann und sollte es aber ganz anders sehen: Wer die Welt verstehen will, der darf sich gar nicht nur auf ein Fachgebiet beschränken, denn allein durch das Trainieren einer vielschichtigen, komplexen Denkweise entsteht ein brauchbares Gesamt-Bild. Und deshalb bin ich auch sehr zufrieden damit, „nur“ ein Physischer Geograph zu sein, denn ich glaube, dass man allein in diesem Fach das nötige Handwerk – nein besser: die nötige interdisziplinäre Sichtweise erlangt, um unsere Geschichte mit all ihren Facetten und Wechselwirkungen einigermaßen zu verstehen. Gleichwohl muss man natürlich bereit sein, sich zusätzlich sehr viel Wissen aus anderen Fachgebieten anzueignen. Eines davon ist die Archäologie und daraus resultiert letztlich auch mein Interesse an der AG Altsteinzeit und Mittelsteinzeit Hessen. Hier kommen Leute zusammen, die nach Hinterlassenschaften unserer Vorfahren aus einem Zeitraum suchen, der immerhin 99,7 % unserer Geschichte umfasst! Neben den aus unterschiedlichen Regionen zusammengetragenen Artefakten an sich erfahre ich dabei auch immer etwas über Fundorte, Zeitstellung, geologische Einbettung und Herkunft des Rohmaterials, was zusammen mit den naturwissenschaftlichen Daten hilft, das Bild der ehemaligen Lebensräume zu verfeinern.

 

Red.: Wie sind Sie zur Archäologie gekommen?

 

Rittweger: Interesse dafür bestand – glaube ich – schon immer, und ich hatte nach dem Abitur sogar mal überlegt, Vor- und Frühgeschichte zu studieren, mich dann aber doch für die Geowissenschaften entschieden. Der entscheidende Schritt kam indes durch meinen Zivildienst im Landesamt für Denkmalpflege in Marburg, wo ich zunächst in der Baudenkmalpflege eingesetzt war. Dort traf ich im Herbst 1986 am Kopierer einen (uns allen bekannten) bärtigen Mann, der mich fragte, wer ich sei und was ich hier mache. Ich erzählte ihm, dass ich ein neuer Zivi und gerade mit dem Studium in Physischer Geographie, Geologie und Botanik fertig geworden sei. Darauf folgte prompt die nächste Frage: was ich denn (um alles in der Welt) mit dieser wissenschaftlichen Ausrichtung in der Baudenkmalpflege zu suchen hätte, und ich solle doch unbedingt zusehen, noch zu den „Wühlmäusen“ auf die andere Straßenseite zu wechseln … Und diese Gelegenheit ergab sich dann auch tatsächlich schon nach wenigen Tagen, denn bei den Archäologen war zur gleichen Zeit ein Zivi tätig, der nicht so gerne „im Dreck wühlte“, so dass ein Stellentausch möglich wurde. Darauf begann eine für mich wirklich spannende Zeit. Denn es gab damals noch keine privaten Grabungsfirmen, und so konnte ich in den folgenden 20 Monaten sehr viel Zeit im Gelände verbringen und bei der Bergung von zahlreichen Befunden aus nahezu sämtlichen vorgeschichtlichen Epochen mithelfen. Daneben durfte ich sehr viel lernen und es entstanden Freundschaften, die bis heute anhalten. Da ich im Anschluss an den Zivildienst noch einmal ein Studium in Archäologie und Botanik aufnahm (mit dem Ziel, im Fachgebiet Umwelt- und Geoarchäologie zu promovieren) weiß ich sehr genau, was ich den Herren Dr. R. Gensen und Prof. Dr. L. Fiedler an Wissen über die Vor- und Frühgeschichte Hessens zu verdanken habe.

 

Red.: Welche Gebiete interessieren Sie am meisten? Wo sehen Sie ihre persönlichen Schwerpunkte?

 

Rittweger.: Nicht wenige Archäologen sehen uns Naturwissenschaftler nur als Zulieferer von Informationen, wogegen ich mich natürlich mit Nachdruck verwahre, denn es bleibt dabei: ein umfassendes Gesamtbild entsteht nur, wenn alle Informationen gleichwertig zusammengeführt werden. Was mich aber am meisten fasziniert ist die Interaktion zwischen Mensch und Natur, zu erkennen, wie unsere Art mit ständig wechselnden Herausforderungen und Umweltbedingungen klar gekommen ist. Als Mensch, der gelernt hat, Pflanzen- und Tierfossilien (vor allem Mollusken) zu bestimmen, interessiert mich natürlich besonders, welche natürlichen Ressourcen unseren Vorfahrungen zur Verfügung standen und wie bzw. ob diese genutzt wurden. Gleichzeitig beschäftigt sich ein Paläoökologe natürlich auch immer mit der Frage, welchen direkten Einfluss der Mensch auf seine eigene Umwelt genommen hat. Dass dieser Einfluss erst in den letzten 100 Jahren ein inzwischen alles in Frage stellendes Ausmaß erreicht hat, wissen wir im Grunde alle. Im Vergleich dazu erscheint jeder menschliche Eingriff in der Vergangenheit als bedeutungslos. Dennoch gibt es bereits für die Alt- und Mittelsteinzeit Hinweise auf durch Menschen ausgelöste Veränderungen des Landschaftsbildes. So sind z.B. in einigen von mir untersuchten Sedimenten in Fulda oder im Amöneburger Becken Spuren von (möglicherweise absichtlich gelegten) Flächen-Bränden zu finden.

Wenn man sich mit solchen Fragen länger und genauer befasst, wird dennoch deutlich, dass der Umgang des Menschen mit der Natur über fast 2,5 Millionen Jahre von Respekt geprägt war; und es reift auch die Erkenntnis, dass unsere Art (trotz aller Annehmlichkeiten der modernen Welt) nur fortbestehen wird, wenn wir zu diesem Respekt zurückfinden; und man wird sich dann zwangsläufig auch fragen: Wer ist eigentlich primitiver: der Steinzeitmensch, der mit einfachsten Mitteln Extremsituationen standgehalten hat, oder der moderne Homo sapiens, der aus Gier, Größen- und Wachstumswahn kurz davor steht, wissend (sapiens !) alles, was ihm diese Entwicklung erst möglich gemacht hat, aufs Spiel zu setzen und seinen eigenen Untergang im Grunde längst schon eingeläutet hat?

 

Red.: Herr Dr. Rittweger, Sie leiten das Mobile Landschaftsmuseum (MOLAMU) und das Büro für Landschafts- und Paläoökologie (BLP). Da geht es unter anderem um Museumspädagogik und um die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Erzählen Sie uns von dieser Arbeit.


Rittweger: Über die wissenschaftliche Arbeit, u.a. als „Schneckenfuzzi“ habe ich ja eben bereits berichtet. Hinzu kommt das von mir in 2001 gegründete „MOLAMU“ – ein MitMachMuseum, mit dessen Angeboten ich versuche, (Ur-) Geschichte, Evolution und Natur so hautnah wie irgend möglich zu vermitteln. Hauptziel ist, Kinder und Jugendliche im wahrsten Sinne des Wortes wieder zu „erden“, d.h. wenigstens kurzfristig aus der virtuellen Oberflächlichkeit zu reißen. Das Leitmotiv ist auch hier, der Natur wieder mit mehr Respekt zu begegnen, weshalb gerade auch dem Thema Steinzeit eine besondere Rolle zufällt. Kinder in die Steinzeit zu führen, heißt, Ihnen klar zu machen, dass wir viel mehr von der Natur profitieren können, als uns heute klar ist. Dazu habe ich unterschiedliche Programme entwickelt, die aber alle möglichst viel Anfassen und Ausprobieren (vom Mammut-Backenzahn bis zum Langbogen) ermöglichen sollen. Hinzu kommt die kindgerechte Vermittlung von diesbezüglichem Wissen. Jeder Veranstaltungstag erfordert deshalb viele Stunden der Vorbereitung, Materialbeschaffung und für Reparaturen von Ausrüstungsgegenständen. Insgesamt ist diese Arbeit sehr anstrengend und erfordert auch eine hohe körperliche Fitness. Man ist nach einem 12-Stunden-Tag mit zwanzig schweren Kisten, die nicht selten in die 2. Etage einer Schule getragen und abends auch wieder eingeladen werden müssen sowie manchmal mehrstündiger An- und Abfahrt wirklich platt. Daneben braucht man ein hohes Maß an Flexibilität, Frustrationstoleranz und Kompromissbereitschaft: Ein perfekter Experimentalarchäologe zu sein, ist eine Sache. Fünfzig (zunehmend medien- und konsumgeschädigte) Kinder über 8 Stunden bei Laune zu halten eine ganz andere. Selbst nach 13 Jahren MOLAMU an sehr vielen unterschiedlichen Schulen und in Jugendherbergen bin ich immer wieder aufs Neue erschrocken, wie weit sich viele Kinder bereits von der Natur entfernt haben. Und das geht wirklich so weit, dass man mitten im Wald gefragt wird, wo man denn hier einen Automaten mit Schokoriegeln finden kann, da die Eltern nur Geld mitgegeben haben… . Zu glauben, mit der Förderung der sog. „MINT-Fächer“ würde an Schulen ausreichend Naturwissenschaft betrieben, ist jedenfalls ein Trugschluss. Bei Licht betrachtet geht es hier nämlich überwiegend um industriegesteuerte Rekrutierung von zukünftigem Fachpersonal. Das sieht man allein daran, dass ein Schulfach wie Erdkunde in den gegenwärtigen Lehrplänen kaum noch eine Rolle spielt – hier muss sich ganz dringend etwas ändern. Kinder müssen in die Natur und sie brauchen Zeit! Zum Beispiel, um in einem Wald einmal ganz eigene Erfahrungen zu sammeln, um die Artenvielfalt kennenzulernen und Respekt vor den Mitgeschöpfen zu entwickeln. Nur so werden sie letztlich (wieder) verstehen, dass sie selbst ein Teil dieser Natur sind, und dass deren Verlust letztlich die eigene Existenz bedroht.

 

Red.: Gibt es außer diesen vielfältigen Betätigungsfeldern auch noch etwas im Leben des Dr. Holger Rittweger, das nichts mit Geologie, Biologie oder Archäologie zu tun hat? Bleibt noch Zeit für Hobbys? Sammeln Sei vielleicht Briefmarken oder spielen Sie Golf?

 

Rittweger: Ersteres habe ich in der Tat vor Dekaden mal getan und es gibt auch immer noch eine Sammlung, die ich aber – ehrlich gesagt – schon lange nicht mehr angeschaut habe. Letzteres passt in etwa so zu mir, wie ein Fahrrad zu einem Fisch. Allein der Gedanke daran, dass viele Golfplätze in Wüstenregionen liegen und trotzdem regen Zulauf erfahren, bereitet mir körperlichen Schmerz. Im Grunde bin ich wohl auch privat einfach nur ein Naturmensch, glücklich verheiratet mit zwei Kindern und einer Katze. Als Hobbys könnte ich Wandern, Radfahren, Ski-Langlauf und Natur-Gärtnern nennen. Ich bin auch gerne mal in den Alpen und am und im Meer, züchte und pflege (z.T. richtig große) mediterrane Pflanzen und kümmere mich um mein eigenes Brennholz. Daneben gibt es noch ein großes Gartengelände außerhalb mit Streuobstwiese, zwei Ziegen und Feuchtbiotop, das gepflegt werden muss. Außerdem erfordert das MOLAMU wie schon gesagt eine besondere körperliche Fitness, so dass Ausdauer- und Kraftsport immer auch auf dem Programm stehen (müssen). Schließlich gibt es noch einen großen Freundeskreis und damit auch immer wieder mal was zu feiern, und ich hätte für all das gerne sehr viel mehr Zeit….

 

Red.: Was wünschen Sie der AG Altsteinzeit und Mittelsteinzeit Hessen für das Jahr 2014?

 

Rittweger: Viele neue Erkenntnisse und dass die gute Stimmung untereinander erhalten bleibt. Betrachtet man es mal gesamtgesellschaftlich, dann sind wir doch nur ein winziges Häufchen von Freaks, die sich mit etwas befassen, von dem die meisten Menschen kaum eine Ahnung haben – und das vor allem deshalb, weil sich damit eben „keine Kohle machen lässt“. Aber eines steht fest: Wir leisten einen bescheidenen Beitrag zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen und das außerhalb von Universitäten. Die seit Mitte der 80iger Jahre laufenden „Veränderungen“ unseres Hochschulsystems haben meiner Meinung nach nämlich keineswegs – wie von vielen gepredigt – zu effektiverer Wissenschaft geführt, sondern nur zu mehr Ellbogendenken, mieser Stimmung, Existenznöten vieler guter Leute und Unterdrückung kritischer Sicht- und Herangehensweisen bei gleichzeitig zunehmender Einflussnahme profitorientierter Konzerne. Und das ist rein wissenschaftlich betrachtet alles andere als ein Fortschritt. Während an offizieller Stelle der Eine dem Anderen oftmals nicht „das Schwarze unter den Fingernägeln“ gönnt und Machtpositionen dazu genutzt werden, neue Ideen mittels Ignorieren gar nicht erst zuzulassen, haben wir mit unserer AG ein Forum, in dem Menschen ohne sich aufblasen und profilieren zu müssen, bescheidene aber solide neue wissenschaftliche Ergebnisse zusammentragen können. Und es wäre schön, wenn das so weiter ginge und vielleicht sogar an anderer Stelle Nachahmer fände.

 

Herr Dr. Rittweger, vielen Dank für das Gespräch!

Download PDF