Mittelpaläolithisches Keilmesser mit rot gefärbten Ritzlinien

Schon Anfang des Jahres 2007 fand Dieter Eidam das abgebildete Keilmesser aus Kieselschiefer im Gebiet nordwestlich von Marburg. Auf gleichem Gelände wurden wiederholt einige übliche mittelpaläolithische, mesolithische und neolithische Artefakte aufgelesen.

Das Keilmesser ist nach Form und Patina den dort vorkommenden mittelpaläolithischen Funden zuzuweisen. Es ist aus einer natürlichen flachen Kieselschiefer-Platte hergestellt. Wegen der Flachheit erstreckt sich die Bearbeitung beider Flächen nicht über die Gesamtheit des Gerätes, sondern lässt unmodifizierte Kortexpartien stehen, auf der einen Fläche knapp die Hälfte der Oberfläche, auf der anderen Fläche sogar gut drei Viertel (Bild 1).

Das Bemerkenswerte an diesem Werkzeug sind dünne geritzte Linien, die über diese Kortexflächen laufen. Man könnte sie zunächst für natürlich Beschädigungen halten. Ackergeräte kommen dafür nicht in Frage, weil die Linien zu schmal und zu tief sind (Bild 2). Eigentümlicherweise sind diese Linien teiweise rot ausgelegt (wahrscheinlich mit Eisenoxyd). Der Kieselschiefer unter seinem Kortex ist aber nicht rot, sondern dunkelgrau bis schwärzlich.

Deshalb müssen die Linien intentional sein. Ob es dabei um Palaeokunst geht, ist absolut unklar. Aber dass mittelpaläolithische Menschen auf diesem Keilmesser Linien geritzt und anschließend rot eingerieben haben, scheint – zumindest bisher – unumstößlich zu sein.

Ob dieses mittelpaläolithische Artefakt nun in die Zeit der als spätmittelpaläolithisch postulierten „Keilmessergruppen“ gehört oder zu einer älteren, noch mittelpleistozänen Tradition mit derartigen Geräten gehört, bleibt angesichts seiner Auffindung auf einer Ackeroberfläche ganz unsicher. Seiner formalen Gestaltungsweise entsprechen könnte es auch durchaus zu einem frühen Mittelpaläolithikum mit Acheuléen-Tradition gehören. Dabei ist anzumerken, dass auch nach der Befundsituation eines Keilmessers im Sediment der vorletzten Kaltzeit, die einschränkende Datierung der „Keilmessergruppen“ in die Letzte Kaltzeit an deren Gültigkeit eingebußt hat.

 

Die Redaktion der Homepage dankt Dieter Eidam für die Bereitschaft, diesen nicht unbedeutenden und sicher diskussionswürdigen Fund hier melden zu dürfen.

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