Der älteste und längste Kulturzeitraum der Menschheit

Von Guntram Schwitalla

(aus: Denkmalpflege & Kulturgeschichte 4, 2006, mit freundlicher Genehmigung des Autors)

 

„Die ungeheueren Zeiträume, in denen es schon Menschen gab, sind uns im Grunde ein Geheimnis. Sie sind eine zeitgeschichtlichen Schweigens, in der doch Wesentliches geschehen sein muß.
Die erste Menschwerdung vollends ist das tiefste Geheimnis, bisher völlig unzugänglichen, auf keine Weise für uns begreiflich. Es wird durch Redensarten – des „Allmählichen“, des „Übergangs“ – nur verschleiert. Wir können Phantasien von der Entstehung des Menschen entwerfen. Diese Phantasie selbst schon scheitert: Immer ist der Mensch in der Vorstellung schon da, wenn man ihn vermeintlich werden lässt.“

Karl Jaspers, Vom Ursprung und Ziel der Geschichte

 

Homo erecta
(mit freundlicher Genehmigung des
Neanderthal Museums Mettmann)

 

Unabhängig davon, wann verschiedene Wissenschaftler den ersten Hessen auftreten lassen – vor schon fast 1 Million Jahren, vor mehr als 500.000 Jahren oder erst vor 300.000 Jahren – die Menschen lebten in Hessen mindestens 97,5 % dieser Zeit in der Altsteinzeit. Die aufgeschriebene Geschichte umfasst bei uns höchstens 0,7 % der Menschheitsgeschichte. Allein dies ist ein ausreichender Anlass, sich mit der größten Spanne menschlicher Kulturgeschichte zu befassen, denn selbstverständlich lebten homines erecti und Neandertaler in Kultur.

 

Obwohl der Begriff „Kultur“ unmittelbar mit dem Neolithikum in Verbindung zu bringen ist (colere: „einen Acker fruchtbar machen“), ist sein Inhalt schon früher als vorhanden vorauszusetzen.

Es kann gar nicht anders sein, da Kultur die Natur des Menschen ist, die im Laufe der Zeit ein immer größeres Gewicht erhielt. Erst in jüngster Zeit hat sich die Entwicklung umgekehrt; die Höhergewichtung primitiver Zivilisationsmerkmale drängt die Kultur in allen Bereichen zurück: Globalisierung ist der Euphemismus für Kulturabbau.

Eingeleitet wurde er durch die „Zeitenwende“, den Euphemismus für Dekadenzphase. Sinnfragen zu stellen ist nicht mehr opportun in einer Zeit, in der sich das veröffentlichte gesellschaftliche Leben ausschließlich mit Zweckfragen beschäftigt und diese Beschäftigung offenbar als ausreichend aufgenommen wird. Egozentrische Wirtschaftsführer tragen ihre Leitlinien zur Verringerung der Geisteswissenschaften (Geschichte) im Schulunterricht zu Gunsten von Wirtschafts– und Finanzwissenschaften vor und erhalten dafür breiten Raum in Fernsehsendungen und Zeitungen. Selbstverständlich erfahren Sie keinen Widerspruch maßgeblicher Zeitgenossen in der gleichen öffentlichkeitswirksamen Breite. Ein Geschichtslehrer habe angeblich ein halbes Jahr über das Neolithikum unterrichtet, was völlig überflüssig sei! – Man sollte diesen Lehrer für eine Auszeichnung wegen Tapferkeit vor dem Zeitgeist vorschlagen!

Angesichts einer solchen Wertschätzung ihrer Arbeit befassen sich tatsächlich Menschen mit Zeit Epochen, die lange vor dem Neolithikum liegen und Fragen für diese Zeit, welche Anteile der Kultur der Urmenschen wir heute noch auffinden können bzw. welche erlaubten Schlussfolgerungen zur Kultur aus der Kenntnis materieller Zivilisationsüberreste gezogen werden dürfen. Der einzelne Prähistoriker mag – im wörtlichen oder übertragenen Sinne – Jäger und Sammler sein, „als Wissenschaftler hat er nicht Funde auszugraben, sondern nach den Menschen zu suchen“ (Hermann Schwabedissen). „Urmenschen“ übrigens ist der einzig angebrachte Begriff für die Menschen der fernen Vergangenheit.

Es hat weder Vor – noch Affenmenschen gegeben, die letzte Bezeichnung mag speziell auf Tarzan zutreffen.

Außerhalb Europas kennen wir Menschen aus einer Zeit vor 3 Millionen Jahren, vielleicht schon vor 5 Millionen Jahren. Sicher gab es vor 10 Millionen Jahren keine Menschen. Was passierte dazwischen, wie wurde der Mensch, was ist überhaupt ein Mensch, d.h., wie definieren wir ihn im Gegensatz etwa zum höchstentwickelten und bestausgebildeten Affen?

Die alte eindeutige Antwort – kein anderes Lebewesen besitzt Geist und Seele – geht heute niemandem mehr so leicht über die Lippen, obwohl aus dieser Grundlage alle anderen Definitionen (Gebrauch des Feuers, Herstellung von Werkzeugen zum Dauergebrauch, der Umgang mit den Toten) ableitbar wären. Die Frage, warum das so ist, rührt an die philosophischen Grundlagen unserer Gesellschaft und damit ebenso unserer Forschungslandschaft, auch wenn diese Grundlagen weder formuliert noch bewusst internalisiert wurden.

Genetisch ist zwischen Menschen und Schimpansen nur ein sehr geringer Unterschied festzustellen (1,6 % der DNS) und es gibt Wissenschaften und die sie vertretenden Wissenschaftler, die diesen Unterschied als so unbedeutend einstufen, dass der prinzipielle Unterschied zwischen Tier und Mensch negiert werden kann und damit der Mensch ebenso wie das Tier als Forschungsobjekt verfügbar für andere Menschen wird.

Ein dreijähriger Schimpanse ist einem dreijährigen Menschen in vielem weit überlegen. Warum wird er dann mit sechs nicht eingeschult? Wegen eines geringen, nur graduellen Unterschiedes? Dieser Gleichsetzung des Menschen mit tierischen „Verwandten“ entspricht die unangemessene Vermenschlichung von Tieren als dem anderen Ausschlag des Pendels, wenn sich Hunde- und Pferdepsycho(!)logen etablieren können und Tiere schwanger sind, gebären, erzogen werden und sterben.

Der Mensch ist allein, er hat keine lebenden Verwandten unter den anderen Großsäugern.

Der Mensch allein weiß, und weiß, dass er weiß (Teilhard de Chardin). Er allein ist befähigt, aus freiem willen Entscheidungen zu fällen – was er nicht immer muss („Es wäre doch schrecklich, wenn jeder zu jeder Zeit aus freier Willensentscheidung leben müsste. Das hält doch kein Mensch aus!“ [Hans–Georg Gadamer]). Kein Schwein, ein dem Menschen in vielerlei Hinsicht ähnlicher Allesfresser, kann sich dafür entscheiden, ab sofort vegetarisch oder veganisch zu leben, auch kein Schimpanse kann das.

Vielleicht schon vor 1 Million, vielleicht erst seit 500.000 oder 300.000 Jahren, haben in Hessen, auffallend gehäuft um die Stadt Münzenberg in der Wetterau, Menschen Werkzeuge aus Quarzitgeröllen hergestellt. Trotz der langen Zeitspanne, in der dieses Rohmaterial verarbeitet wurde und sich dadurch die Anzahl der Werkzeuge pro Zeiteinheit stark relativiert, gibt es keine andere Stelle, an der über 4000 Geröllwerkzeuge und weitere aus bewusst hergestellten Geröllsegmenten gearbeitete Werkzeuge gefunden wurden. Hier liegen die Anfänge, der Neandertaler ist nur ein älterer Cousin.

Der ältere – größte englische – Dichter hat sich vielleicht zu übergroßer Wertschätzung hinreißen lassen, wenn er dem Prinzen von Dänemark solche Worte in den Mund legt: „Welch ein Meisterwerk ist der Mensch! Wie edel durch Vernunft! Wie unbegrenzt an Fähigkeiten! In Gestalt und Bewegung wie bedeutend und wunderwürdig! Im Handeln ähnlich einem Engel! Im begreifen wie ähnlich einem Gott! Die Zierde der Welt! Das Vorbild der Lebendigen!“

(William Shakespeare, Hamlet)

 

Der jüngere – größte deutsche – Dichter schreibt in seiner weltberühmten Ode: „Wollust ward dem Wurm gegeben und der Cherub steht vor Gott“ (Friedrich Schiller, Ode an die Freude). – Und wir irgendwo dazwischen.

Die Optimisten hoffen, näher am Cherub, die Realisten befürchten, näher am Wurm.

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