Die Mühen der Archäologen, den Neandertaler zu rehabilitieren.

- Neues zu Bestattungen der Neandertaler -

Ein Beitrag von Lutz Fiedler

Meine Kollegin Dr. Gaelle Rosendahl vom Reiss-Engelhorn-Museum in Mannheim brachte mir einen Artikel der im Internet verfügbaren Zeitschrift PNAS zur Kenntnis, in dem eine sorgfältige 14-Jährige Nachuntersuchung der Grotten von La Chapelle-aux-Saints publiziert ist. Das unten zitierte Forscherteam bestätigt absolut überzeugend die intentionale Grablegung des berühmten Neandertaler-Skeletts dieses Fundortes. Damit werden Aussagen des amerikanischen Autoren R.H. Gargett von 1989 in die Schranken gewiesen. Er hatte in einem Aufsehen erregenden Artikel (in Current Anthropology 30) behauptet, alle als Neandertaler-Bestattungen publizierten Berichte wären irrtümliche Interpretationen der Ausgräber.

 

Nun, Gargett dürfte bei den Ausgrabungen von La Chapelle-aux-Saints, La Ferrassie und den meisten mittelpaläolithischen Bestattungen des Vorderen Orients nicht dabei gewesen sein. Doch seine verblüffenden Einsichten hatten zunächst Gewicht, waren aber auch Wert hinterfragt zu werden.

Nur, sie passten gut in das Klima der amerikanischen Paläoanthropologie der neunziger Jahre, in dem viele ihrer Vertreter behaupten wollten, Neandertaler seien „verdrängte“ und ausgestorbene „Hominiden“, aber keine „richtigen“ Menschen. In jenen Jahren schien dieser Gedanken sowohl die Fachwelt, als auch die interessierte Öffentlichkeit beherrscht zu haben. Selbst in angesehenen wissenschaftlichen Zeitschriften (trotz der oft eingeschalteten „Peer-revuern“, also Fachkollegen, die im Auftrag der Publikationsorgane die eingereichten Aufsätze kritisch zu lesen hatten) erschienen zahlreiche Artikel mit derlei nicht sorgfältig genug überprüften Äußerungen, deren hintergründiges Ziel es war, Neandertaler als eine Art zu beschreiben, die dem technisch und körperlich überlegenem Homo sapiens zu weichen hatte.

Meine persönliche Meinung dazu war, dass sich darin eine politische oder gesellschaftliche Opportunität spiegelte, in der der westliche Mensch sich als Nachfahre des Homo sapiens empfand und darin seine gleichsam naturgegebene technologische und wirtschaftliche Überlegenheit gegenüber dem Rest der Welt vertreten wollte (Fiedler 1999). Aber die Verhältnisse und Einsichten haben sich seitdem geändert.

Trotzdem finden sich immer noch einige Journalisten (z.B. Meldungen aus der Wissenschaft HR2, 2013), die davon reden, dass der Mensch vor knapp 40 000 Jahren Europa besiedelt hätte, wo zuvor nur Neandertaler gehaust hätten.

Auch wenn die Grundlagen dieser Ideen seit Ende der achtziger Jahre vor allem vom wirtschaftsstarken, militärisch hochgerüsteten und in der Forschung dominierenden demokratischen „Land der Freiheit“ ausgingen, haben sie sich als gründlich korrekturbedürftig erwiesen. Alleine die Tatsachen der Feuernutzung, der Systematik in der Herstellung von Steingeräten und der als nachgewiesen geltenden Bestattungen genügten, um in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Neandertaler nicht das gedankenlose, unorganisierte und völlig kulturlose Zerrbild des späteren Menschen zu sehen (Koenigswald – Hrsg – 1958).

 

Literatur:

William Rendu, Cédric Beauval, Isabelle Crevecoeur, Priscilla Bayle, Antoine Balzeau, Thierry Bismuth, Laurence Bourguignon, Géraldine Delfour, Jean-Philippe Faivre, François Lacrampe-Cuyaubère, Carlotta Tavormina, Dominique Todisco, Alain Turq, and Bruno Maureille 2013: Evidence supporting an intentional Neandertal burial at La Chapelle-aux-Saints. Internet : PNAS-2013-Rendu-1316780110-1.

G. H. R. von Koenigswald (Hrsg.for Wenner-Gren Foundation) 1958: Hundert Jahre Neanderthaler – Neanderthal Centenary 1856 – 1956. Beihefte der Bonner Jahrbücher 7, Köln u. Graz.

Lutz Fiedler 1999: Repertoires und Gene – der Wandel kultureller und biologischer Ausstattung des Menschen.Germania77, 1-37.

Gargett, R.H. 1999: Middle Palaeolithic burial is not dead issue: the view from Qafzehz, Saint-Césaire, Kebara, Amud, and Dederiyeh. Journal of Human Evolution 37, 27-90.

 

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