Ein mesolithischer Fundplatz im südhessischen Ried

Ein Bericht von Jürgen Hubbert

Seit über 20 Jahren beobachtet der Schreiber dieses Berichtes einen mesolithischen Fundplatz im Kreis Groß-Gerau durch Feldbegehung. Die topographische Lage ähnelt mehreren bekannten Fundplätzen der gleichen Zeitstellung im hessischen Ried: Alle liegen nördlich eines Altlaufes, in diesem Fall ist es ein Altlauf des Mains. Ein Vergleich mit dem endpaläolithischen Fundplatz in Rüsselsheim-Königstädten (Grabung Prof. Lutz Fiedler 1989/1990), bei denen die Ausgänge nach Südwesten zeigen, macht klar, dass die Bewohner die Mittagssonne gerne lange in ihrer Behausung wünschten und gleichzeitig einen Ausblick auf den Fluss genießen wollten.

Als Dr. Stefan Loew seine Tätigkeit im LfD in Wiesbaden aufnahm, interessierte er sich sofort für diesen Fundplatz. Seine Motivation war besonders stark, da er über den oben erwähnten endpaläolithischen Fundplatz seine Promotion verfasst hatte. Die beiden Fundplätze liegen nur 5km auseinander.

Der Landwirt, der den betroffenen Acker bewirtschaftete, erklärte sich sofort bereit, eine Grabung zu genehmigen.

Im Februar 2008 erfolgte der erste Spatenstich zusammen mit Dr. Stefan Loew, Martin Tschirsich (Zivildienstleistender im LfD) und dem Schreiber dieses Berichtes. In der Vergangenheit wurde bei den Begehungen die Lage der Artefakte mechanisch eingemessen. In der Regel waren es kleine Abschläge, Kerne und ab und zu ein Mikrolith. Auf einem damit erstellten Gesamtplan zeichnete sich eine besondere Fläche ab, die als Konzentration (8 Artefakte auf 3 bis 4 Quadratmetern) angesprochen wurde. Hier sollte die erste Sondierungsgrabung stattfinden. Ein Quadratmeter wurde in 16 Flächen unterteilt. Die einzelnen Flächen wurden kartiert und dann schrittweise in einer jeweiligen Tiefe von 10 cm abgebaut und gesiebt. Die Funde wurden nummeriert und gesichert.

Der erste Grabungstag begann mit einer Untersuchung der oben beschriebenen Konzentration und endete mit einer Enttäuschung: Nur wenige Artefakte konnten im Sieb gesichert werden und diese waren ausschließlich aus dem Pflughorizont. Die Antworten auf die Fragen, die nun gestellt wurden, waren nicht sehr motivierend: War der Fundplatz durch die Ackerarbeiten bereits abgetragen? Hatte die Erosion auf dem leichten Gefälle zum Altlauf das Ihrige zur Zerstörung beigetragen?

Normalerweise bewegen sich Artefakte in Richtung des Pfluges. Die seitliche Bewegung dabei ist etwas geringer. So ergibt sich über Jahre eine Verteilung, die einer Ellipse ähnelt. An den Enden der größeren Mittellinie der Ellipse sind natürlich die wenigsten Artefakte zu finden, weil sie, bedingt durch die Arbeit des Pfluges, den größten Weg zurücklegen mussten. Man könnte sich auch über die längere Mittellinie der Ellipse eine Normalverteilungskurve, auch Gaußkurve genannt, vorstellen. Diese Vorstellungen führten dann zu einer Überlegung, die Fundverteilung mathematisch sichtbar zu machen: Die weitest entfernt zu einander liegenden Punkte müssten den größten Verschleppungsweg zurückgelegt haben. Diesen Weg galt es zurückzurechnen. Die beiden am weitest auseinander liegenden Artefakte wurden nun auf dem Zeichenplan miteinander verbunden. Der arithmetische Mittelpunkt müsste jetzt im alten Zentrum liegen. Die beiden nun am weitest auseinander liegenden Punkte wurden nun ebenfalls verbunden und wieder der Mittelpunkt festgelegt. Schließlich wurde mit allen Artefaktpunkten so verfahren. Erstaunlicherweise ergab sich nun eine neue Konzentration, die sich nicht mit der ursprünglichen (s.o.) des Artefaktplans deckte.

Am nächsten Tag wurde natürlich mit großer Spannung zuerst im Bereich der am letzten Abend mit der mathematischen Methode ermittelten Konzentration geforscht: Mit einem Erdbohrer von 15 cm Durchmesser und bei einem Bohrungsabstand von einem Meter wurden Probebohrungen durchgeführt. Die einzelnen Bohrungen brachten bis zu 8 Artefakten pro Bohrung! Das waren deutliche Zeichen, zumal auch unterhalb des Pflughorizontes Funde zu Tage kamen. Alsdann wurde mit Spachtel und Sieb weitergearbeitet. Das Ergebnis erweckte erneut die Emotionen: 1. Freude über eine ungestörte Artefaktkonzentration unter dem Flughorizont, also im ungestörten Boden und 2. Erstaunen über den Erfolg des Rechenexperimentes!

So konnte nun eine Konzentration von mehreren hundert Artefakten auf einer Fläche von ca. 3mx3m geborgen werden.

In einem noch folgenden Bericht wird noch ausführlich auf die Ergebnisse eingegangen werden.

 

Nachträglich einige Gedanken, Fundkonzentrationen mathematisch aufzuschlüsseln

Um statistisch auf der sicheren Seite zu liegen, sollte mindestens eine dreistellige Zahl von eingemessenen Artefakten vorhanden sein. Die Einmessung sollte möglichst mechanisch erfolgen, um eine hohe Genauigkeit zu garantieren (GPS-Einmessungen können sehr stark schwanken).

Bei nur wenigen Artefakten kann ein mathematischer Versuch vor der Grabung nicht schaden, zumal die mathematische Lösung grundsätzlich mit einem geringen Arbeitsaufwand anzuwenden ist, während eine Suche mit dem Spaten oder Bohrer sehr zeitintensiv sein kann.

Sollte ein negativer Befund auftreten, obwohl ausreichend eingemessenes Fundmaterial verwendet wurde, können zwei Gründe die Ursache sein:

1. Der Fundplatz liegt komplett im Pflugbereich und ist zerstört.

2. Es könnten zwei Fundplätze vorliegen, was bedeutet, der ermittelte Mittelpunkt wäre nun zwischen beiden Fundplätzen anzunehmen. Gelingt es nun zumindest einen Fundplatz zu finden, müsste der zweite Fundplatz auf der Verlängerung einer Verbindungslinie zwischen dem ermittelten Mittelpunkt und dem gefundenen Fundplatz liegen und zwar mit dem gleichen Abstand.

Falls bei einer zukünftigen (mesolithischen?) Grabung der genannte mathematische Ansatz Anwendung finden sollte, wäre der Verfasser dankbar über eine Information. Diese darf auch negativ sein. Vielleicht lässt sich so ja die Methode noch verbessern…

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