Petrus und die Bandkeramiker

Eine humoristische Auseinadersetzung mit gewissen Lehrmeinungen…

Von Jürgen Hubbert

 

„Servus, Herr Dechsel! Willkommen im Himmel!“ sprach Petrus und Herr Dechsel antwortete etwas unsicher: „Servus, Herr Petrus!“

Nach einem kurzen Blick in seine Unterlagen, sagte Petrus: „ Du warst in Deinem Leben Archäologe und wirst zu den BK-lern gehen.

Ich glaube aber, Du musst noch ins Fegefeuer.“ Herr Dechsel war verwirrt und fragte: „Wer sind die BK-ler?“ Petrus lächelte sanft und antwortete: „ Du bist doch Archäologe und müsstest wissen, dass das die Bandkeramiker sind – Dein Spezialgebiet. Sie sind in der Abteilung 4500 direkt vor dem Herren – immer gerade aus.“

Herr Dechsel machte sich auf den Weg, und war nach kurzer Zeit bei den BK-lern angekommen. Zwei der Dorfbewohner empfingen ihn freudig mit den Worten: „Du hast die Erde in einer schönen Zeit verlassen, in der Zeit der Kraniche.“ Herr Dechsel war erneut verwirrt und fragte schüchtern: „ Was ist die Zeit der Kraniche?“ „ Na, ganz einfach: Wenn die kalte Zeit vorbei ist, kommen die Kraniche. Das ist die Zeit, in der wir mit unserer Feldarbeit beginnen müssen. Wenn dann viel später, nachdem die warmen Tage vorbei sind, die Kraniche wieder zurück in die Sonne fliegen, müssen unsere Vorratstöpfe für die kalte Zeit gefüllt sein. Auf die Kümpfe haben unsere Vorfahren in Gedenken an die Kraniche das wellenförmige Flugbild der Kraniche eingeritzt. Irgendwann hat es Streit wegen dieser Einritzungen gegeben: Die Frauen wurde aufmüpfig und meinten, das Flugbild entspräche eher Dreiecken als Wellen. Darauf wurden in der Folgezeit Dreiecke in die Vorratsgefäße eingeritzt.“

Herr Dechsel war verblüfft. Er hatte immer geglaubt, die Ritzungen seien mäandrierende Flüsse, und die Dreiecke seien vielleicht Dächer von Häusern. Nun brach bei Herrn Dechsel die Neugier des Archäologen aus: „Warum habt Ihr vor Euren Häusern diese komischen Gruben gemacht? Ich nannte sie „Hausbegleitende Gruben“ – manche meinten, es seien
Materialentnahmegruben.“

Die BK-ler lachten lauthals. Schließlich antwortete einer: „Was meinst Du, was unsere Frauen uns gesagt hätten, wenn wir vor dem Haus Löcher gemacht hätten, in die unsere Kinder hätten fallen können! Notwendiges Material hätten wir gleich von weiter weg geholt. Dann hätten wir auch die Löcher nicht wieder verfüllen müssen. Und überhaupt, was hätten wir mit dem Material machen sollen?“

Herr Dechsel war erstaunt und fragte: „Ihr habt doch eure Flechtwände mit schwerem Boden, wie Lös verputzt –oder?“ Die Antwort kam gleich: “Haben wir, aber in Rüsselsheim °) war reiner Dünensand und mit dem kann man nicht verputzen.“

Herr Dechsel musste erst mal nachdenken. Dann wurde er aber doch wieder neugierig und wollte es nun endlich wissen: „Aber warum habt Ihr vor Euren Häusern diese ovalen Löcher gemacht –Löcher, die unregelmäßig groß waren?“ Einer der beiden BK-ler holte tief Luft und sagte dann gequält: „Du weißt doch sicher, dass schon unsere Vorfahren Haselnüsse gesammelt haben, und diese wurden sogar geröstet. Auch wir haben Haselnüsse als Wintervorrat eingelagert. Haselnusssträucher haben auch wunderbare gerade Stämme, die man für Werkzeuge nutzen kann. Auch zum Flechten sind die Äste gut geeignet.“ Herr Dechsel hatte noch keine Antwort auf seine Frage und wurde ärgerlich: „ Und warum die Löcher?“

Die Antwort kam wieder gequält: „ Wir haben die Löcher gemacht, um dort Haselnusssträucher zu pflanzen! Das waren Pflanzlöcher! Die Wurzeln der ausgegrabenen Sträucher sind meistens ungleich lang, deshalb gibt es oft ovale Langlöcher. Außerdem sind Haselnusssträucher auch ein prima Windschutz, der verhindert, dass die Wände vom Regen ausgewaschen werden. Unter besonders schönen Sträuchern haben wir manchmal auch liebe Verstorbene bestattet“.

„ Au – ha“ – brachte Herr Dechsel mühsam hervor. Es folgte ein längeres Schweigen. Dann musste er doch noch eine Frage los werden: „Mit was habt Ihr eigentlich die Händler, die Euch Feuersteinklingen verkauft haben, bezahlt? War es Getreide, handwerkliche Arbeiten oder was auch immer?“ Der Sprecher der BK-ler atmete tief durch und antwortete dann verhalten: „Wie hätte ein Händler das Getreide zu seinen Familien transportieren sollen? Unsere handwerkliche Arbeiten hätten dem Händler gefallen müssen, Bekleidung hätte passen müssen usw., kurz: Es gab keine Händler! Die einzigen Geschäfte, die wir geführt haben waren Tauschgeschäfte mit unseren Nachbarn“.

Herr Dechsel schämte sich in seiner neuen Umgebung und vor den BK-lern. Dann fasste er doch all seinen Mut zusammen und presste die Frage hervor: „Aber wo habt Ihr denn den Feuerstein her gehabt?“

Jetzt lachten die beiden BK-ler herzhaft und bekamen Glanz in die Augen. Einer antwortete schließlich: „Wenn die Kraniche in die Sonne wegflogen, begann für uns Männer immer eine schöne Zeit: Die Ernte war eingebracht und unsere Arbeit erledigt. Wir packten ein paar Sachen, etwas zum Essen und folgten den Kranichen in Richtung der Mittagssonne. Nach einer handvoll Tagen erreichten wir Abensberg-Arnhofen°°). Dort gab es wunderbaren Feuerstein in großen Mengen. Man musste nur ein Loch graben und bei einer Tiefe von der Größe zweier Männer erreicht man die trächtige Schicht mit Feuerstein. Der Männerausflug war jedes Mal ein Erlebnis, von dem wir in langen Nächten unseren Frauen und Kindern erzählen konnten – zwar nicht alles, aber zumindest einiges.“

Herr Dechsel benötigte Bedenkzeit, um diese Darstellung zu verdauen. Schließlich musste er doch noch mal nachfragen: „Von den unzähligen Löchern für die Suche nach Feuerstein, die Ihr und Eure Nachkommen vor Ort gemacht haben, wurden eine größere Zahl archäologisch untersucht. Wir fanden keine Scherben in der Verfüllung, sondern nur Reste von Holzkohle. Waren die BK-ler so vorsichtig, dass kein Gefäß zerbrochen wurde?“

Einer der BK-ler sah Herrn Dechsel mit großen Augen an, atmete tief durch und sagte schließlich: „Auf den Ausflügen hatten wir natürlich keine Keramik dabei, sondern nur organisches Material z.B. Felle und Unzerbrechliches. Der Boden allerdings vor Ort war gefroren. Schließlich waren ja die Kraniche schon weggezogen, und es war kalt. Deshalb haben wir auf den geplanten Grabungslöchern Feuer gemacht- nicht nur um unser Essen vorzubereiten- sondern auch um den Boden aufzutauen. Beim späteren Verfüllen der Löcher kann dann auch wohl mal Holzkohle dabei gewesen sein.“

Herr Dechsel wurde nun sehr ruhig und nachdenklich. Auch die BK-ler waren in Schweigen verfallen.

Plötzlich ertönte hinter Herrn Dechsel die Stimme von Petrus: „ Herr Dechsel, Du hast Dich ja nun bei den BK-lern ausführlich informieren können und aus Deinen Fehlern gelernt. Leider musst Du nun für 500 Jahre ins Fegefeuer. Dir wird vorgeworfen, Deine wissenschaftliche Arbeit manchmal fahrlässig ausgeführt zu haben.“ Herr Dechsel stöhnte nur: „500 Jahre –oh nein! Eine solche Strafe für Fahrlässigkeit hat es auf der Erde nie gegeben.“ Petrus antwortete geduldig: „Nicht auf der Erde, aber hier bist Du ja im Himmel, und da gelten andere Gesetze. Du wirst bei uns eine Ewigkeit bleiben, da sind 500 Jahre nichts. Aber tröste Dich, einige Deiner Kollegen bekommen in der Regel weit, weit höhere Strafen –die dauern bis zu 500 Jahren vor dem Ende der Ewigkeit…!“

°) Bandkeramische Grabung Rüsselsheim 2004, LfD Darmstadt

°°) steinzeitliches Bergwerk in Abensberg-Arnhofen

 

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