Das Steinzeitbuch des Geheimen Hof- und Medizinalrats Dr. Ludwig Pfeiffer

Vom Leben und Wirken eines Pioniers der Steinzeitforschung

Ein Beitrag zur Forschungsgeschichte von Norbert Kissel

 

Gliederung:

1. Einleitung
2. Prof. Dr. Ludwig Pfeiffer (1842-1921) – Arzt, Archäologe und vieles mehr
3. „Die Werkzeuge des Steinzeit-Menschen“ – Eine reich bebilderte Pionierleistung
4. Pfeiffers These von der technisch weiterentwickelten Oberschicht
5. Fazit
6. Quellen

 

1. Einleitung

Die Urgeschichtsforschung basiert auf einer Laienbewegung bzw. sie wurde lange Zeit von Menschen bestimmt, die ihre Kenntnisse autodidaktisch erworben hatten. Schließlich geht die gesamte Archäologie auf das Engagement enthusiastischer Mediziner, Lehrer, Theologen oder Techniker zurück.
Und: Sie ist bis heute in ihren Aussagen an den jeweils herrschenden politischen Verhältnissen und an dem hieraus resultierenden Menschenbild und dem sogenannten Zeitgeist orientiert.

Das macht die Geschichte der Urgeschichtsforschung so interessant.

Die folgenden Ausführungen mögen der Auftakt sein für eine kleine Reihe von Betrachtungen zur Urgeschichtsforschung und ihrer ersten Protagonisten, deren Erkenntnisse und Einstellungen – ungeachtet aller späteren Forschungsergebnisse und Erkenntnisse – unser Bild vom fossilen Menschen bis heute mitbestimmen.

Bei der nachfolgenden Darstellung des Buchs „Die Werkzeuge des Steinzeit-Menschen“ liegt der Fokus auf den Aussagen des Autors zur Altsteinzeit.

Das Buch „Die Werkzeuge des Steinzeit-Menschen“, erschienen im Verlag Gustav Fischer in Jena (1878 – 2008), ist heute natürlich längst vergriffen. Der Verfasser dieses Aufsatzes konnte eines der letzten im Handel erhältlichen Exemplare für sehr viel Geld in einem österreichischen Antiquariat erwerben.

 

2. Prof. Dr. Ludwig Pfeiffer (1842-1921) – Arzt, Archäologe und vieles mehr

Seine Amtsbezeichnung war „Geheimer Hof- und Medizinalrat“. Er war Arzt, Krebsforscher, Protozoologe, Professor für Hygiene, Seuchenforscher, Kunsthistoriker und Archäologe – eine bedeutende Kapazität in all seinen Disziplinen!

Pfeiffer wurde am 31. März 1842 in Eisenach geboren, studierte Medizin in Jena, Würzburg, Berlin, Prag und Wien, promovierte 1863 und praktizierte seit 1866 in Weimar (Biographisches Lexikon hervorragender Ärzte, in zeno.org, 1287, 12. 2013).

1872 stieg Pfeiffer zum Leibarzt der Großherzogin Sophie auf und arbeitete im Vorstand des Großherzoglich Sächsischen Impfinstituts in Weimar (Zentralverzeichnis antiquarischer Bücher, zvab.de, 12. 2013).

 

Im Kampf gegen die Cholera

Ludwig Pfeiffer ist übrigens nicht identisch mit dem gleichnamigen Kinderarzt, der erstmals das nach ihm benannte Pfeiffer´sche Drüsenfieber beschrieb. Das war sein Kollege und Zeitgenosse Emil Pfeiffer (1846 – 1921).

 

Eine Geißel der Menschheit – Die Cholera
Quelle: wikipedia

 

Aber auch Ludwig Pfeiffer hat sich in der Medizin einen Namen gemacht, wenn auch stärker bezogen auf die Region um seine Heimatstadt Weimar: Als die indische Cholera 1866 erstmals in Weimar auftrat, waren es Männer wie Ludwig Pfeiffer, die Konzepte zur Lösung der hygienischen Probleme der Stadt durch eine Modernisierung der Ver- und Entsorgungssysteme entwickelten (stadtmuseum.weimar.de, 12. 2013). In diesem Zusammenhang entstand seine Arbeit »Die Choleraverhältnisse Thüringens« (München 1867).

Pfeiffer forschte darüber hinaus auch über die Kindersterblichkeit, über körperliche Missbildungen und verfasste ein Handbuch der angewandten Anatomie und ein Taschenbuch für die Krankenpflege.

 

Engagement für die Ärzteschaft

Seit 1873 war er Redakteur des „Correspondenzblattes des allgemeinen ärztlichen Vereins in Thüringen“.

Pfeiffer war einer der Gründer des deutschen Ärztevereinsbundes.
Verbünde wie diese waren interessenpolitisch sehr aktiv und forderten den Monopolcharakter des Ärzteberufs ein, um ihn von nichtapprobierten „Heilbehandlern“ und Kurpfuschern abzugrenzen und deren Konkurrenzen auszuschalten.
Die Verbünde stärkten so die gesellschaftliche Position der Ärzteschaft. Sie waren politisches Forum und ein Ort wissenschaftlicher Fortbildung und sie bereiteten Reformen für die Medizinerausbildung durch eine Verschärfung der Approbationskriterien und der Niederlassungsbeschränkungen vor (vgl. ceno.de).
Hierbei setzte sich Pfeiffer „herausragend für die ärztliche Vereins- und Standesbewegung“ ein (laek-thueringen.de, 12. 2013).

Dr.-Ludwig.Pfeiffer-Medaille
Foto mit freundlicher Genehmigung des Ärzteblatts Thüringen

Die Bedeutung Pfeiffers in der medizinischen Forschung hat das vergangene Jahrhundert überdauert: Seit 1997 werden Mediziner, die sich um das Ansehen der Ärzteschaft besonders verdient gemacht haben, von der Landesärztekammer Thüringen mit der Dr. Ludwig-Pfeiffer-Medaille ausgezeichnet.
Das Leben und Wirken Ludwig Pfeiffers „unter besonderer Berücksichtigung seiner Bedeutung für die ärztliche Standespolitik“ wurde erst vor wenigen Jahren in einer Dissertation gewürdigt (Günther, Jena 2005).

 

Der Geheimer Rat und die Archäologie – mehr als ein Steckenpferd

Dr. Ludwig Pfeiffer
Zeichnung. N. Kissel

Als Geheimer Rat, ein Titel, der ihm von Kaiser Wilhelm verliehen worden war, gehörte Pfeiffer nicht nur dem Bildungsbürgertum an, sondern er vertrat auch aktiv die Interessen der Oberschicht und der kaiserlichen Monarchie.

Es gehörte damals quasi zum guten Ton, dass sich ein Akademiker über seine eigentliche berufliche Tätigkeit hinaus in den Zirkeln der gehobenen Gesellschaft und/oder für eine der „angesagten“ Wissenschaftszweige engagierte bzw. qualifizierte.

 

 

Dem Zeitgeist entsprechend übte um die Jahrhundertwende die Beschäftigung mit der Archäologie eine große Anziehungskraft auf Leute vom Stande Pfeiffers aus.

Pfeiffer besuchte u.a. die Vorlesungen des berühmten Prähistorikers und Kunsthistorikers Friedrich Klopfleisch (1831-1898), einem der Begründer der Ur- und Frühgeschichtsforschung im heutigen Thüringen und in Sachsen-Anhalt.
Später war es Pfeiffer sogar vergönnt, bei den Ausgrabungen der paläolithischen Fundstelle von Weimar-Ehringsdorf mitzuwirken.
Es ist von daher nicht mehr möglich, bei Ludwig Pfeiffer von einem archäologischen Laien oder einem Autodidakten zu sprechen. Seine umfassenden Bemühungen um Weiterbildung und Teilhabe an der der aktuellen wissenschaftlichen Forschung und die Qualität seiner bisweilen geradezu eklektisch wirkenden Publikationen sind in jeder Beziehung professionell.

 

Von Pfeiffer seien hier drei archäologische Werke genannt, die damals in relativ kurzer Zeit zur Standard-Literatur avancierten:
„Die steinzeitliche Technik und ihre Beziehung zur Gegenwart“ (Jena 1912),
„Die steinzeitliche Muscheltechnik“ (Jena 1914)
und „Die Werkzeuge des Steinzeit-Menschen“ von 1920.

 

Begeisterung und Hingabe

Man darf bei alledem nicht vergessen, dass es sich bei dieser wissenschaftlichen Forschung dennoch „nur“ um eine der vielen Nebentätigkeit eines praktizierenden Arztes handelte! Der Fleiß, das Tempo und die Akribie Pfeiffers bei seinen Forschungen, bei seiner Erschließung neuer Inhalte sind jedoch ohne Frage ebenso außergewöhnlich wie bewundernswert. Wie viel wissenschaftlicher Enthusiasmus und vor allem – welche Freude an einer schön aufbereiteten Weitergabe der Forschungsergebnisse im Sinne von Volksbildung mussten hinter der Bewältigung seines Arbeitspensums stehen, wie viel Hingabe und Begeisterung!

 

Europa im Archäologie-Rausch

Pfeiffer lebt und arbeitet in einer Zeit des wissenschaftlichen Aufbruchs. Kaum 50 Jahre ist es her seit der Entdeckung des Neandertalers.
Doch die Entdeckungen, die in am Vorabend des I. Weltkriegs und darüber hinaus gemacht wurden, lassen alle Dämme brechen: 1880 werden die Höhlenmalereien von Altamira in Spanien entdeckt. In Java wird 1891 die Schädelkalotte eines Vormenschen ausgegraben. Der Kunsthändler und Archäologe Otto Hauser, eine der schillerndsten und gegensätzlichsten Gestalten der prähistorischen Forschung, arbeitet von 1906 bis 1914 in der französischen Dordogne, fördert, beschreibt und exportiert tausende von altsteinzeitlichen Artefakten und entdeckt schließlich in La Moustier und Combe Capelle sogar die Reste fossiler Menschen. In Ehringsdorf bei Weimar, also in unmittelbarer Nähe zum Wirkungskreis Pfeiffers, werden zwischen 1908 und 1913 ebenfalls Knochen von Urmenschen gefunden.

Zwar sind die Zweifel derer, die die Existenz des „Diluvial-Menschen“ grundsätzlich bestreiten, noch lange nicht verstummt, aber was macht das schon: Deutschland wird von einem archäologiebegeisterten Kaiser regiert, der entsprechende Forschungsprojekte nicht nur großzügig aus der Staatskasse fördert, sondern seine Majestät nimmt bisweilen sogar höchstpersönlich Spaten und Putzeisen in die Hand!

Pfeiffer saugt die Fülle der Nachrichten und Theorien seiner Zeit wie ein Schwamm in sich auf und verarbeitet sie in wissenschaftlicher Redlichkeit, wobei er sich die Überprüfung selbst etablierter Lehrmeinungen vorbehält.

 

3. „Die Werkzeuge des Steinzeit-Menschen“ – Eine reich bebilderte Pionierleistung

 

Bescheidenheit im Vorwort

Im Vorwort bezeichnet Pfeiffer sein mehr als 400 Seiten starkes Buch „Die Werkzeuge des Steinzeit-Menschen“ in Art der traditionellen Tiefstapelei vieler Wissenschaftsautoren als „Mitteilungen aus der technologischen Abteilung des städtischen Museums Weimar“, eine als Leitfaden konzipierte Einführung in die steinzeitliche Technik.

 

Eine erschlagende Literaturliste!

Auf dem aktuellsten Forschungsstand seiner Zeit sammelt er alles, was über die Entwicklung des Menschen geforscht und gedacht wird.
Allein die Literaturliste, die sich samt und sonders im Text verarbeitet wiederfindet, ist überwältigend: Über 500 Titel aus Deutschland und dem europäischen Ausland sind aufgeführt. Damit dürfte Pfeiffer alle in seiner Zeit relevanten Publikationen zur Vor- und Frühgeschichte erfasst haben.

 

Lücken schließen

Und dennoch „Zum Teil noch jungfräulich“ sieht er das Sachgebiet. In einem „abschließenden Werke“ möchte der Autor deshalb Lücken schließen und den gegenwärtigen Forschungsstand zusammenfassen.
Ein Buch für Museen, Volkshochschulen, landwirtschaftliche oder technische Schulen und für Sammler möchte er vorlegen, ein „Lehrmittel überhaupt“ (Pfeiffer, Vorrede).

Ein Buch in drei Teilen

Das Buch hat eine klare Dreiteilung:

1. Werkzeuglehre
2. Werkzeuge für den steinzeitlichen Ackerbau
3. Die primitive Keramik

Das heißt, Pfeiffer spannt den Bogen von den vermuteten Anfängen menschlichen Kulturschaffens bis zum Beginn des Metallzeitalters. Auch die „wenigen rezenten Völker, welche Feuerstein, Knochen, Holz oder plastischen Ton ohne Bevorzugung von Kupfer oder Eisen verarbeiten“ will der Autor in seine Überlegungen mit einbeziehen und er tut das, wie wir noch sehen werden, in der für die damalige Zeit typischen Art eines Vertreters einer imperialistischen Kolonialmacht.

Kapitel 1 ist in 20 Abteilungen untergliedert. Pfeiffer widmet sich darin u.a. dem Einfluss von Oberschichten in der Bevölkerung auf die Entwicklung der Technik, den „Prae-Chellèen, Chellèen und Acheulèen-Werkzeugen“, dem Moustérien, Aurinacien und den Techniken der anderen jungpaläolithischen Epochen bis hin zum Übergang ins Neolithikum. Verschiedene Werkzeugformen, Gesteinsmorphologie, Techniken der Steinbearbeitung, Theorien über mögliche Schäftungen werden behandelt. Die Zerlegung von Jagdtieren bis hin zu Fragen der „Gliederung der Steinzeit, der Tier- Menschenrassen“ und die Art der Kunstbetätigung sind weitere Themenkomplexe.

Auch das Folgekapitel 2 beginnt wieder mit einer Abhandlung über den Einfluss der Oberschichten auf die technologische Entwicklung und beschäftigt sich mit der Technik des Neolithikums.

Mit einer umfangreichen Darstellung über die Entwicklung prähistorischer Keramikherstellung in Kapitel 3 schließt das Buch ab.

 

Zahlreiche Abbildungen

Pfeiffer hat keine Mühen und Kosten gescheut, um seine Darstellung der steinzeitlichen Techniken so anschaulich wie möglich zu gestalten. 540 Abbildungen illustrieren das Buch, die meisten sind nach Aussage des Autors eigens hierfür angefertigt worden. Die Qualität der zeichnerischen Darstellungen ist hoch, sie wirken nicht als Ornamente, sondern sind sinnvolle Ergänzungen des Textes.
Knapp 70 Abbildungen sind nach Aussage des Autors aus einem 1918 erschienenen Museumskatalog von A. Möller entnommen. Im Gratias wird dann noch einem Büroangestellten namens Friedrich für seine Zeichnungen gedankt (Pfeiffer, Vorrede).

 

Experimentelle Archäologie

Besonders fällt auf, dass Pfeiffer in seiner Bewertung von Forschungsergebnissen eigene experimentalarchäologische Studien in größerem Umfang zur Verifizierung heranzieht:

„Der Verfasser hat ausgedehnte Versuche durchgeführt, Faustmesser aus Feuerstein, Obsidian, Hornstein, Quarz, Bergkristall, Lava, Glas und aus kristallischen dichten Gesteinen zu schlagen.
Er hat sich bemüht, die in den Arbeiten von Mortillet, Lartet-Christy, Exsteene, Hörnes, R.R. Schmidt, Obermeier, Rutot gezeichneten Formen nachzuahmen.
Dabei hat sich herausgestellt, dass die Herstellung der Mandelkernform für Werkzeuge nicht sehr schwierig ist, nur dass schließlich, wenn etwaige Mängel in der Symmetrie auszugleichen waren, das Werkzeug sehr viel kleiner ausfiel als geplant war. (…) Sehr viel halb fertige Stücke mussten fortgeworfen werden, weil das Rohmaterial keine gleichmäßige innere Spannung und Spaltbarkeit besaß. – Das wird in alten Zeiten ebenso gewesen sein“ (Pfeiffer, S. 42).

An anderer Stelle stellt er die Überlegungen seiner Kollegen zur Schäftung von „Faustmessern“ infrage:

„Von Forrer und Feldhaus (Technik 1904, Abb. 38, 39) ist ein Bild von der Stiftung des Faustmessers dargestellt. Um die dickste Stelle desselben ist ein Holzreif gelegt, welche als federnder Stil wirken kann. Aber eine dauerhafte Schäftung ist das nicht. Als Hacke für Erdarbeiten ist sie ungeeignet; bei jedem ersten Schlag springt das Werkzeug aus der Schäftung heraus. Auch als Tomahak ist es nur bei reichlicher Verwendung von Kid denkbar. Das Stuttgarter Museum hat solche, nur mit Kautschuk angeklebten Beilklingen aus Tasmanien“ (Pfeiffer 43).

 

Was ist ein Faustkeil?

Autoren wie Ludwig Pfeiffer trugen entscheidend zur Herausbildung einer verbindlichen Nomenklatur für die Klassifizierung der Steinartefakte bei.
Die Definition des Begriffs Faustkeil liest sich bei Pfeiffer beispielsweise so:

„Die Herstellung des Faustkeils geht aus von einem großen Rollenkiesel, nicht von dem Abschlag eines solchen. Der erste Eingriff des Steinschlägers war die Entfernung der Rindenschicht am Werkstück. Der abschälte Kern hat durch Absprengungen seine Schneidspitze erhalten.
Absichtlich ist oft der gegenüberliegende Rücken des Kernstückes verdickt und als Griffstelle für die Hohlhand ausgebildet worden.
Eine besondere Schäftung ist nicht vorgesehen; aber es sind alle Zacken beseitigt, damit die führende Hand vor etwaigen Verletzungen geschützt war.
Das dicke Griffende geht in zwei Seitenkanten allmählich in die dünnere Schneidspitze über. An gut durchgebildeten Fundstücken ist hier eine wirkliche Spitze, ein Zahn vorhanden.
Der richtige Faustkeil hat also zwei retuschierte Breitseiten, eine symmetrische Kontur und einen dicken Handgriff. Nur ausnahmsweise ist ein größerer Seitenabschlag mit Schlagbuckel auf der glatten Seite benutzt worden. Diese nukleogene Herkunft zeigt der Faustkeil auf allen Stufen der steinzeitlichen Gliederung bis in das Neolithikum herein.
Die Größe des Werkzeuges schwankt von der Kinderhand bis zur Männerhand.
Auffallend ist das Faustkeile in Deutschland kaum vorkommen [Kommt noch, Herr Pfeiffer! Die Red.], ferner dass Depotfunde fehlen; es sind vereinzelte Streufunde vorhanden (Hyänenhöhle in Gera), deren Deutung noch unsicher ist“ (Pfeiffer, s. 39).

Feuerstein

Sehr interessant sind im Abschnitt „Analyse des Feuersteins“ die Ausführungen zum Rohmaterial sowie die Versuche zur optischen Darstellung der physikalischen Vorgänge bei der Herstellung von Abschlägen mit Hilfe von polierten Glaswürfeln.

 

Gegenwartsbezüge

Sehr wichtig sind Pfeiffer Bezüge zu den damals gängigen Methoden im Handwerk herzustellen oder Belege aus der Werkzeugherstellung sogenannter Naturvölker (von ihm auch schon mal „Wilde“ genannt) anzuführen.

 

Lesenswert!

Abgesehen von einigen, heute als überholt geltenden Aussagen, ist das Buch “Die Technik des Steinzeit-Menschen” auch noch fast hundert Jahre nach seinem Erscheinen inhaltlich äußerst interessant und lehrreich, nicht zuletzt deshalb, weil es ohne einen spezifischen Fachjargon auskommt und darauf verzichtet, durch einen abgehobenen Sprachstil Wissenschaftlichkeit zu suggerieren.

 

 

4. Pfeiffers These einer technisch weiterentwickelten Oberschicht

Pfeiffer ist, wie bereits ausgeführt, nicht nur ein angehöriger des Bildungsbürgertums, sondern er vertritt als Geheimrat ganz und gar die Interessen der herrschenden Oberschicht und des Gesellschaftssystems der kaiserlichen Monarchie mitsamt seinen Dogmen, seiner Weltanschauung und seines Menschenbildes.
Wenige Jahre vor Ausbruch des I. Weltkrieges befindet sich das Deutsche Kaiserreich im Konkurrenzkampf mit den anderen hegemonial auftretenden Staaten in Europa. Eine der Grundlagen für die deutsche Kolonialpolitik ist der legitime Anspruch einer herrschenden Klasse auf die Unterwerfung anderer Völker.

Ludwig Pfeiffer ist als Kind seiner Zeit von diesem System zutiefst überzeugt, was sich nicht zuletzt auch in seinen Aussagen über die Bedeutung der Oberschicht in prähistorischen Kulturen niederschlägt. Sogenannte Naturvölker als unterentwickelt darzustellen ist ihm ebenso selbstverständlich wie sein an der Hegelschen Geschichtsphilosophie orientiertes Bild vom vorbestimmten Fortschreiten der Geschichte im Sinne einer Entfaltung im Sinne eines auf die Vernunft ausgerichteten Fortschreitens.

Nicht ohne Grund beginnt Pfeiffer zwei der drei Kapitel seines Buches mit einer Abhandlung über die Oberschicht und ihren Einfluss auf die Entwicklung der Technik. Er geht grundsätzlich von einem überzeitlichen Dualismus der Technik aus, indem er die groben Geräte des gemeinen Volkes von den feineren einer Oberschicht unterscheidet.

„Der Dualismus lässt sich von der jüngeren Steinzeit durch alle Abschnitte der Werkzeug Lehrer, der Keramik usw. rückwärts verfolgen. Die aus praktischen Bedürfnissen erfundenen neuen Werkzeuge haben alsbald die herrschende Oberschicht in der Bevölkerung veranlasst, sich weiteres Werkzeug anfertigen zu lassen, bis sich anstelle der alten Werkzeuge neue gesetzt haben“ (Pfeiffer, S. 1).

Pfeiffer geht sogar so weit für den Menschen des Altpaläolithikums eine deutliche gesellschaftliche Schichtung und regen Handel anzunehmen:

„Während des Chelléens müssen bereits große Handelszentren in Abeville, in Acheul bestanden haben, welche auch viel halbfertiges Gerät in großen Werkplätzen der Kiesgruben hinterlassen haben. Einige Künstler der Steinschlagkunst konnten bereits Vorzügliches leisten. Es war eine reiche Herrscherschicht vorhanden, die sich den Luxus besserer Werkzeuge gestatten konnte. Der Beginn der eigentlichen Technik dürfte in diesem Zeitabschnitt fallen“ (…).
Derartige Oberschichten sind nur denkbar durch das Zusammentreffen mit Wanderungen verschiedener Völkerrassen. Eine ältere, sesshafte, an Ruhe gewöhnte, passive Bevölkerung ist durch eine wanderlustige, aktivere oberer Adelsschicht überdeckt, die herrscht und die besiegte Rasse für sich arbeiten lässt. Das Streben nach Ruhe ist der Grundzug in dem Leben der passiven Völker, wodurch auch der einzelne in der Entwicklung zurückgehalten wird. So hat auch die obere aktivere Schicht eine größere Mannigfaltigkeit in der Entwicklung, der körperlichen und intellektuellen. Wiederholte Nachschübe der Einwanderungen haben zur Auffrischung der Oberschicht geführt. Die Unterschichten sind davon wenig oder gar nicht berührt worden“ (Pfeiffer, S. 3).

Hier drängt sich förmlich die Frage auf, ob demnach Unterdrückung und Knechtschaft ein quasi selbstverschuldetes Schicksal sind! Das friedliebende, passive, heimatverbundene und nach Ruhe Strebende einfache Volk hätte es demnach gar nicht anders verdient als beherrscht zu werden. Herrschende und Beherrschte bilden sozusagen ein natürliches und damit legitimes politisches und gesellschaftliches System.

Den Gipfel in Pfeiffers Projektion seiner Welt- und Menschensicht auf prähistorische Kulturen ebenso wie auf die Kulturen unterworfener Völker bildet dann folgende Aussage:

„Der Versklavung sind die mehr passiv sich verhaltenden Völker verfallen, die sich nicht von ihren Wohnsitzen trennen konnten, Robot zahlten bis zur völligen Enteignung aller Güter und des eigenen Lebens (…) Aus den alten Werkzeugen und aus dem Vergleich mit rezenten Steinzeitvölkern lassen sich wichtige Schlussfolgerungen ziehen (…) Der Einfluss der Versklavung ist bisher von der Altsteinzeit Forschern viel zu wenig beachtet worden“ (Pfeiffer, S. 5).

Nicht dass Pfeiffer der Versklavung anderer Völker grundsätzlich ohne Mitgefühl gegenüber stünde. Aber er sieht seinen Dualismus der Schichten als weltgeschichtliches Phänomen, das seine Legitimation aus seiner ewigen Wiederholung zieht und damit auch die Basis bildet für die im Hegelschen Sinne als „Geschäftsführer des Weltgeistes“ rechtmäßig agierenden Herrscherpersönlichkeiten – wie beispielsweise solche, die als imperialistische Monarchen andere Völker kolonialisieren.

Auch die Ausbildung der sogenannten „Moustérien-Technik“ bringt Pfeiffer in den Zusammenhang mit den Wanderungen überlegener Menschengruppen. Es drängt sich der Vergleich mit der bis heute vertretenen, aber wissenschaftlich nicht belegbaren „Landnahme“ durch den sogenannten modernen Menschen im Europa zu Beginn des Jungpaläolithikums auf:

„Der Moustérien-Technik gegenüber haben wir den Standpunkt vertreten, dass es sich um den Zufluss von ungemein mächtigen und kräftigen Einwanderern gehandelt haben hat. Der muss Tiermensch hat sich verschiedene tausende von Jahren erhalten und in weiten Wanderungen seine Werkzeuge über weite Strecken hin exportiert. Die gegenteilige Auffassung, dass die Moustier-Spitze durch Vervollkommnung der Praechelléen- , Chelléen- und Acheuléenwerkzeuge entstanden sei, hat kaum noch Vertreter“ (Pfeiffer S. 42).

Auch der Übergang zur produzierenden Wirtschaftsform und der Sesshaftigkeit im Neolithikum wird von Pfeiffer entsprechend seiner Grundüberzeugung als ein Import herrschender, überlegener Rassen gesehen:

„Außer dem Pflug haben die Einwanderer mitgebracht: vor allem ein leistungsfähigeres Gehirn und geschickte Hände“ (Pfeiffer, S.191).

 

 

5. Fazit

Die Archäologieinteressierten in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg werden von der Forschungen und Publikationen Pfeiffers viel profitiert haben und die Aristokratie des Deutschen Kaiserreichs wird seine Worte von einem Oben und Unten im Menschensystem gerne gehört haben. Keineswegs soll ihm hieraus aber ein Vorwurf gemacht werden. Pfeiffer ist wie die meisten seiner Zeitgenossen eingebunden in die Wertvorstellungen der wilhelminischen Zeitalters. Wer möchte schon von sich behaupten, er wäre in der Lage sein Hier und Jetzt mit geschichtlicher Distanz reflektieren zu können!

Pfeiffers Lebenswerk ist darüber hinaus so beeindruckend, dass er sich allein durch seine medizinische Forschung gewiss einen ehrenvollen Platz in der Geschichte verdient hat. Auch innerhalb der Erforschung der Vor- und Frühgeschichte hat sich Pfeiffer zweifelsohne große Verdienste erworben.

Doch muss hier auch daran erinnert werden, dass es Gedankengut wie das oben beschriebene war, das nur wenige Jahrzehnte später zur Legitimation eines von Rassenwahn und rücksichtslosem Eroberungsstreben bestimmten Unrechtsstaates missbraucht wurde. Das nationalsozialistische Deutschland rechtfertigte die Übernahme der Weltherrschaft und den Tod von Millionen u.a. dadurch, dass es sich selbst in der geschichtlichen Verantwortung sah, als Herrenrasse andere Völker unterwerfen zu müssen.

Ein engagierter Arzt wie Ludwig Pfeiffer dürfte solches zweifelsohne ferngelegen haben. Er dachte, sprach und handelte, wie man es in seiner Zeit von einem Geheimen Hof- und Medizinalrat erwartete und entfaltete aber daneben einen beeindruckenden Forscherdrang im Sinne der Volksgesundheit, unfassbaren Fleiß und eine entsprechend hohe Fachkompetenz – und all das im Sinne redlicher Wissenschaft und engagierter Volksbildung .

 

6. Quellen:

• Pfeiffer, Ludwig: Die Werkzeuge des Steinzeit-Menschen, Jena 1921
• Günther, Christine: Leben und Werk des Geheimen Hof- und Medizinalrats Dr. med. Ludwig Pfeiffer (1842 – 1921) unter besonderer Berücksichtigung seiner Bedeutung für die ärztliche Standespolitik, Jena 2005
• Ellerbrock, Dagmar: “Healing Democracy” : Demokratie als Heilmittel : Gesundheit, Krankheit und Politik in der amerikanischen Besatzungszone 1945-1949, Bonn 2004
• Zentralverzeichnis antiquarischer Bücher, zvab.de, 12. 2013
• Biographisches Lexikon hervorragender Ärzte, zeno.org, 12.2013
• Landesärztekammer Thüringen, laek-thueringen.de, 12. 2013

 

 

 

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