Zur Diskussion gestellt

Informationsfluss, Diffusion, Selbstdomestikation

Der Übergang vom Mittelpaläolithikum zum Jungpaläolithikum

Autor: Lutz Fiedler

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Informationsfluss, Diffusion, Selbstdomestikation

 

 

 

 

Keywords:

Einwanderungen, Kolonialismus, Rassismus, technischer Fortschritt, Genfluss, Informationsfluss, Neandertaler, Selbstdomestikation, Migrations, colonialism, racialism, technological progress, gene flow, information flow Neanderthal man, self domestication

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Altpaläolithische Funde von Dorsten-Schermbeck in NRW

Horst Klingelhöfer, Theodor-Körner-Str. 7, 45721 Haltern am See

 

Abstract

Despite of the critical up to negative approach of numerous archaeologists in Germany towards the possibility of archaeological Cromerian finds the author successfully investigated Early Middle Pleistocene explorations at Dorsten-Schermbeck in North Rhine Westfalia from 1991 and collected appr. 90 artifacts. The survey was mentored by Prof. Lutz Fiedler (Marburg). The sediments (younger main terrasse of the Rhine) were accumulated shortly after the Matuyama-Brunhes-Change (0,78 mio.). The collection includes simple flakes, some with notches, scrapers and knive edges, opportunistic worked cores, choppers and chopping tools. Additionally several more refined tools were found, as discoidal cores, pic-, trihedron- and biface-like tools. Most of these were more or less abraded, an indication of relocation under fluviatile conditions. Some more fresh looking artifacts on the other hand were found in situ in clayey sediments, obviously produced nearby. The findings of Dorsten-Schermbeck are interpreted as indications of the spread of hominins alongside the meandering streams, like the Rhine. They can be seen as a geographic link between the find spots at Dorn-Dürkheim (GE) and Happisburgh (GB).

 

Einleitung

Im Gegensatz zu der Interessenlosigkeit oder Ablehnung mancher Paläolith-Fachwissenschaftler in Deutschland bezüglich altpleistozäner Hinterlassenschaften früher Mitteleuropäer sind in den letzten dreißig Jahren vorwiegend privat tätige Forscher diesen Spuren in entsprechend alten Terrassenablagerungen und ähnlichen Sedimenten nachgegangen. Dabei ist insbesondere die vorurteilsfreie fachliche Beratung und Förderung durch Prof. Lutz Fiedler hervorzuheben. Ein Niederschlag dieser Forschungen ist u.a. in dem von L. Fiedler 1997 herausgegebenen Sammelwerk „Archäologie der ältesten Kultur in Deutschland“ zu finden, in dem auch der seinerzeitige Forschungsstand zu Dorsten-Schermbeck vorgestellt wurde. Inzwischen liegen aus England, West- und Mitteleuropa eine Reihe von zweifelsfreien alt- bis frühmittelpleistozänen Fundstellen vor, die der immer noch verbreiteten Vorstellung eines erst späten Auftretens des Homo (heidelbergensis) in unserem Raum nicht vor ca. 600.000 Jahren faktisch entgegenstehen. Zu nennen sind beispielhaft Happisburgh, Pakefield (GB), Untermassfeld, Dorn-Dürkheim (D),Pont de Lavaud (F) (Fiedler u. Franzen 2002; Garcia, Landeck, Martinez, Carbonell 2013). Der in NRW – dem Bundesland des Verfassers – gelegene frühmittelpleistozäne Terrassen-Fundkomplex Dorsten-Schermbeck soll deshalb in diesem Zusammenhang hier erneut vorgestellt werden.

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Altpaläolithische Funde von Dorsten-Schermbeck in NRW

 

Seit 1991 forscht unser AG-Mitglied Horst Klingelhöfer in ca. 0,77 Mio. Jahre alten Terrassenschichten des Rheins zwischen Dorsten und Schermbeck (NRW) erfolgreich nach den Steinwerkzeugen dieser frühen Zeit.

Die Funde liegen in zeitlicher Nähe zu dem rheinhessischen altpaläolithischen Fundplatz Dorn-Dürkheim.

Sein Bericht unterstützt Vermutungen über ein früheres Auftreten der Faustkeilkultur (Acheuléen) in Europa.

 

CromerzeitlicheFundplätzebeiDorsten-SchermbeckNRW
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Treffer gegen den Stumpfsinn aus unerwarteter Richtung

Eine sehr interessante Meldung kam jüngst aus dem Forschungsbereich der Universität Liverpool. Um herauszufinden, welche Hirnregionen beim Zurichten von Steinwerkzeugen in Anspruch genommen werden, wurde der Kopf erfahrener Steinschläger mit Sensoren gepflastert. Die Aufgabe war, einfache und „gute“ Faustkeile anzufertigen.

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Ein Cleaver von einer altpleistozänen Flussterrasse in Mitteleuropa?

Eine Mitteilung von Günter Landeck

Im Rahmen der saisonalen Vegetationspause (Winterhalbjahr) und der hiermit verbundenen leichteren Auffindung von archäologischen Oberflächenfunden führte der Autor neulich wieder eine Begehung altpaläolithischer Fundplätze auf alten Werra-Flussterrassen (Reste alt- und mittelpleistozäner Talböden der Werra) durch. Der Fluss, dies sei nur zur paläogeographischen Situation erwähnt, vereint sich mit der Fulda nördlich von Kassel zur Weser und gehörte damit bereits im Pleistozän zu einer der geographisch großen Talverbindungen und wahrscheinlich zu den wichtigen Migrationsrouten zwischen dem Südosten und Nordwesten Mitteleuropas.

Zwischen Hönebach im Kreis Hersfeld-Rotenburg in Hessen und Großensee im Wartburg-Kreis in Thüringen befindet sich auf der älteren altpleistozänen 100m-Hauptterrasse der Werra ein altpaläolithischer Fundplatz (HW-1) mit Funden einer Kern-Abschlag-Industrie (im angloamerikanischen als „Core-flake industry“, „Mode-1 industry“ oder „Pre-Acheulian industry“ bezeichnet). Es liegen Kerne, Kerngeräte und einfach retuschierte Abschläge ohne faustkeilartige Geräte aus Hornstein-, Quarzit- und Rhyolitgeröllen vor (vgl. Abbildung 1).

Abbildung 1: a-c, Abschläge aus Hornstein vom Fundplatz HW-1
(Zeichnung: Beate Kaletsch)

Die technologischen Merkmale widersprachen auch bisher nicht ihrer Alterseinstufung, welche aufgrund des Erhaltungszustandes der Artefakte und gemäß geomorphologischer Kriterien mit großer Wahrscheinlichkeit eine Datierung in Zeit der Flussterrassenentstehung vor gut einer Million Jahren erlaubte. Derartig alte und faustkeillose Inventare sind seit ihrer Entdeckung in sehr genau datierbaren Sedimenten in Südeuropa auch prinzipiell in Mitteleuropa aufgrund der damals hier nicht grundsätzlich differierenden Lebensbedingungen zu erwarten gewesen. Tatsächlich konnte ihr Vorkommen im nördlichen Europa jüngst sowohl durch Funde in England (Parfitt et al. 2007) als auch in Deutschland durch Datierung stratifizierter Funde, welche sich in Vergesellschaftung mit fossilen Tierresten befanden, bestätigt werden (Fiedler und Franzen 2002, Landeck 2010, Garcia et al. 2013).

Umso mehr verwunderte es zunächst, als der Autor während der Begehung der o.g. Oberflächenfundstelle plötzlich ein Artefakt auflesen konnte, welches prima vista als eindeutiger Cleaver („Spaltkeil“) an Abschlag angesprochen werden musste (siehe Abbildung) und damit die Fundstelle möglicherweise doch einer fortgeschrittenen Technologie einer frühen Faustkeilkultur und nicht der „archaischen“ Kern-Abschlag-Industrie zuzuordnen war (Geräte der älteren Faustkeilkultur erscheinen am Rhein erstmals in Zusammenhang mit der jüngeren Hauptterrasse [Fiedler und v. Berg 1987, Klingelhöfer 1997, Schmude 1997] und sind nach neueren Datierungen „nur“ etwa 600-700.000 Jahre alt; faustkeilartige Oberflächenfunde von der jüngeren altpleistozänen 76m-Hauptterrasse der Werra [Landeck 1997] sind nicht mit hinreichender Sicherheit von Kernen und spitz zulaufenden Kerngeräten unterscheidbar).
Zeitgleich schoss es dem Autor blitzartig durch den Kopf mit dem neuen Fund der bisher angenommenen Alterseinstufung der Fundstelle Ade sagen zu müssen. Der Biologie sei Dank setzten jedoch innerhalb von Millisekunden „individuumerhaltende“ hormonelle Gegenregulationsmechanismen hauptsächlich mittels gesteigerter Endorphinausschüttung im Autorengehirn ein, welche durch die möglich machende Trost spendete Annahme zumindest einen wichtigen Leitfund gemacht zu haben, deeskalierend wirksam wurden und erst einmal das Schlimmste verhindern konnten.

Das Fundstück war noch stark mit lehmigem Bodensediment bedeckt, welches man vor Ort nicht vollständig entfernen konnte, aber ein Artefakt musste es wohl auf jeden Fall sein. Auf der Fahrt nach Hause wälzte der Autor nun sämtliche Differenzialdiagnosen hin und her, welche der Theorie der genetisch älteren Kern-Abschlag-Industrie der Fundstelle doch das Fortbestehen garantieren konnte: „Mittelpleistozäner isolierter Einzelfund, der hat mit dem übrigen Ensemble nicht zu tun!“ – „Kein Cleaver, doch gestreckter Kern!“ – „Vielleicht gar kein Artefakt, alles Täuschung?“ – „Kann das möglich sein, die anderen Fundstücke sind keine Artefakte?“

Zuhause, relativ gesund und ohne Unfall angekommen erfolgte sofort nach sorgfältiger Reinigung des Fundstückes eine genauere Analyse der Spaltflächen und Schlagmerkmale:

1)  Alle Kanten weisen unterschiedliche Abrasionsgrade auf.

2)  Die vermuteten Schlagwellen (Abbildung 2d, weiße Pfeile) weisen keine wirkliche  Konzentrizität auf und stellen Verwitterungsstrukturen dar.

3)  Die distale Cleaverschneide (Abbildung 2a, Pfeile) trägt Retuschen unterschiedlicher Patinierung.

4)  Die vermeintliche Kantenbearbeitung (laterale Cleaverschneide; Abbildung 2b, c) weist keine kompletten Negative oder eine sequentielle Abfolge von Abschlägen auf und wurde durch Bestoßungen herbeigeführt.

5)  Die als Schlagflächenrest imponierende Fläche (Abbildung 2d, e, grüne Pfeile) trägt Negativreste (genauer: Spaltflächenreste) unterschiedlicher Abrasionsgrade. Auch ein  typisches Negativmuster, welches durch intentionelle sequentielle Abtrennung entsteht, ist nicht vorhanden.

6)  Der Bulbus (Abbildung 2e, weißer Pfeil) ist ein Pseudobulbus und entstand nicht durch die Bruchmechanik eines Hertz´schen Kegelbruchs, welcher durch einen gezielt punktuell geführten kräftigen Schlages zur Abtrennung des Stückes von einem Kernstein herbeigeführt wurde, sondern wird durch Reliefunterschiede seitlich angrenzender Spaltfläche vorgetäuscht.

7)  Den Eindruck von Radialstrahlen oder Lanzettbrüchen (Abbildung 2e, gelbe Pfeile) vermitteln „Nahtstellen“ von angrenzenden Flächen unterschiedlicher Reliefhöhe.

8)  Es besteht eine zum Teil unterschiedliche Patinierung der Negative (resp. Spaltflächen).

9)  Das Stück besteht aus Basalt, einem relativ verwitterungsanfälligem Rohmaterial und ist allgemein in alt- und mittelpleistozänen Sedimenten nicht anzutreffen. Wahrscheinlichgeriet es von einer Wegeschotterung eines in der Nähe angrenzenden Feldweges auf das Fundareal.

Abbildung 2: a-e, Fundstück vom Fundplatz HW-1

Was für ein Glück, das Fundstück ist kein Artefakt und damit auch kein Cleaver (Leitform der Faustkeilkultur), dachte ich! Somit gerät die Annahme einer Existenz einer „Prä-Acheul-Kultur“ (Kern-Abschlag-Industrie) in Mitteleuropa und damit die Übereinstimmung der technologischen Merkmale des Fund-Ensembles von HW-1 mit seinem geologisch abzuleitenden mutmaßlichen hohen (pleistozänen) Alter nicht ins Wanken!

…was will man eigentlich, Funde machen oder Hypothesen falsifizieren?

 

Literatur

Fiedler, L., Franzen, J.L., 2002. Artefakte vom altpleistozänen Fundplatz Dorn-Dürkheim 3 am nördlichen Oberrhein. Germania, 80, 421–440.

Fiedler, L., A. v. Berg, 1987. Faustkeilfunde des älteren Acheuléen von Winningen/Mosel, Kreis Mayen-Koblenz. Berichte zur Archäologie an Mittelrhein und Mosel 1, 73-84.

Garcia, J. , Landeck, G., Martínez, K., Carbonell, E., 2013. Hominin dispersals from the Jaramillo subchron in central and southwestern Europe: Untermassfeld (Germany) and Vallparadís (Spain). Quaternary International 316, 73–93.

Klingelhöfer, H., Der Fundplatz Schermbeck, Kr. Wesel, 1997. In: Fiedler, L. (Hrsg.): Archäologie der ältesten Kultur in Deutschland, Verlag Landesamt f. Denkmalpflege Hessen, Wiesbaden, 288–296.

Landeck, G., 1997. Altpaläolithikum aus dem mittleren Werratal. In: Fiedler, L. (Hrsg.): Archäologie der ältesten Kultur in Deutschland, Verlag Landesamt f. Denkmalpflege Hessen, Wiesbaden, 79–86.

Landeck, G., 2010. Further evidence of a Lower Pleistocene arrival of early humans in northern Europe – The Untermassfeld site (Germany). Collegium Antropologicum 34, 1229–1238.

Parfitt, S.A., Ashton, N.M., Lewis, S.G., Abel, R.L., Coope, G.R., Field, M.H., Gale, R., Hoare, P.G., Larkin, N.R., Lewis, M., Karloukovski, V., Maher, B., Peglar, S.M., Preece, R.C., Whittaker, J.E., Stringer, C.B. , 2010. Early Pleistocene human occupation at the edge of the boreal zone in northwest Europe. Nature 466, 229–233.

Schmude, K., 1997. Die Fundplätze Kirchhellen und Weeze. In: Fiedler, L. (Hrsg.): Archäologie der ältesten Kultur in Deutschland, Verlag Landesamt f. Denkmalpflege Hessen, Wiesbaden, 296–309.

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Mittelpaläolithisches Keilmesser mit rot gefärbten Ritzlinien

Schon Anfang des Jahres 2007 fand Dieter Eidam das abgebildete Keilmesser aus Kieselschiefer im Gebiet nordwestlich von Marburg. Auf gleichem Gelände wurden wiederholt einige übliche mittelpaläolithische, mesolithische und neolithische Artefakte aufgelesen.

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